[Journalismus #31 … ]

… Wahrnehmung ist kein mechanischer Vorgang … Es wird ein falscher Konsens simuliert … Was ist nur los mit den Journalisten, die solche Beiträge verfassen? …

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“ … Realität, also alles Vorfindliche der Welt, ist sprachlich vermittelt. Dies betrifft nicht nur die Tatsachen und Gegenstände der Welt, sondern mehr noch die sozialen und kulturellen Gegebenheiten und deren Auswirkungen, zu denen beispielsweise auch Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Unfreiheit gehören. … Wittgenstein spricht … vom „Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“. … Die Ohnmacht der Menschen, die sich angesichts erdrückender institutioneller Macht und bestehender Ungerechtigkeiten in sinkender Wahlbeteiligung, steigender Politikverdrossenheit und zunehmender Bereitschaft, radikale Ideen wieder aufleben zu lassen, ausdrückt, bildet die Problemgrundlage. Viele Menschen, die unter den gesellschaftlichen Bedingungen leiden, tendieren dazu, ihr Schicksal schweigend zu erdulden. Es besteht die Gefahr eines gesamtgesellschaftlichen Fatalismus. … Das menschliche Handeln stellt [ ] den Bedeutungshorizont der Sprache dar. … Der zentrale Punkt der Wittgensteinschen Betrachtungen … ist [ ] ein regelmäßiger Zusammenhang zwischen den Sprachspielen und den damit verbundenen Handlungen innerhalb einer Sprachgemeinschaft. … Wittgenstein beschäftigt sich … mit dem Aspektsehen: Die Voraussetzung dafür ist das „Bemerken eines Aspekts“ …“ | Aus einer Diplomarbeit von Huber Christian: „Wittgensteins Pädagogik: Fragmente einer Bildungskonzeption„, Karl-Franzens-Universität, Graz, 2013 | Quelle: https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/231693 // Kontext: Sprachspiel –> https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachspiel

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Fraktaltexte zum Journalismus – oder gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel der Sprache:


Stimme aus dem Off: Ein Echo aus der Zeit. Das Buch „Ideologie als Waffe. Inhaltsanalyse der Bild-Zeitung“ von Reinhard Bechmann, Karlheinz Maldaner, Ludger Loop und Joachim Bischoff erschien 1979 im VSA-Verlag (Hamburg). Es ging um die Bild-Zeitung: Gesellschaftliche Probleme – wie Wirtschaftskrisen oder Ungleichheit – werden nicht strukturell erklärt – stattdessen werden sie auf Einzelschicksale oder persönliche Fehler heruntergebrochen. Die Zeitung konstruiert klare Gut-Gegen-Böse-Muster. Politische Gegner, Streikende oder gesellschaftliche Randgruppen werden oft als Bedrohung für die „hart arbeitende Allgemeinheit“ dargestellt. Die Scheinbare Nähe zum „kleinen Mann“ vermittelt den Lesern das Gefühl, auf ihrer Seite zu stehen und „ihre Sprache“ zu sprechen – transportiert jedoch gleichzeitig Werte, die den Status quo der Reichen und Mächtigen sichern.

Dabei geht es auch um „ … Das absichtliche (und wiederholte) Missverstehen, die Verzerrung und Verdrehung von Tatsachen und die Lüge als mediale Methoden untergraben jeden sachlichen Diskurs … „ | Aus: „Gegen die Lügen“ (14. Juni 2021) | Quelle: https://www.merkur-zeitschrift.de/2021/06/14/gegen-die-luegen/
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Ein Beispiel: “ … Im Oktober 1965 rief die SDS-Delegiertenkonferenz alle Studentengruppen zu Informationsveranstaltungen zum Vietnamkrieg auf. Wer dazu schweige, müsse sich klar sein, dass er eine Politik des Völkermords unterstütze. Am 5. Februar 1966 führten SDS, SHB, LSD und HSU eine Demonstration gegen diesen Krieg in West-Berlin durch. 500 der rund 2500 Teilnehmer zogen vor das lokale Amerika-Haus, blockierten den Zugang mit einem Sit-in, bewarfen die Fassade mit einigen Eiern und setzten die US-Flagge auf dem Dach auf halbmast. Obwohl sich alle Studentenverbände außer dem SDS davon distanzierten, nahmen die Zeitungen des Springerverlags den Vorfall zum Anlass für Hetzartikel gegen sie alle. …“ | Aus: „Westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre: Gegen den Vietnamkrieg“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Westdeutsche_Studentenbewegung_der_1960er_Jahre (17. April 2026)

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Stimme aus dem Off: Ich denke an den Aufruf der Bild-Zeitung kurz vor dem Attentat auf Rudi Dutschke vom 7. Februar 1968 (*): „Man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ (* Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/anschlag-auf-die-permanente-revolution-100.html | „Anschlag auf die „Permanente Revolution““ Marcus Heumann, 11.04.2008)) – Wie lässt sich Erzählperspektive und die Selbstbezüglichkeit von Journalismus offenlegen? Gab es zu den Vorgängen eine Art Reflexion aus dem Hause des Springer-Verlags in den Jahren 1967–1968?

Antwort aus dem Off: Zeitungen wie Bild und B.Z. spiegelten die verlagseigene, streng antikommunistische Linie wider. Eine öffentliche Debatte darüber, ob die aggressive Wortwahl (wie „Terror der Jung-Roten“) den journalistischen Pressekodex verletzte, fand nicht statt. Jahrzehnte später holte der Verlag die versäumte Selbstbefragung nach, allerdings in Form eines kontrollierten Metajournalismus. Der Verlag versuchte, das historische „Springer-Tribunal“ in den eigenen Räumen mit Alt-68ern neu aufzurollen. Kritiker der taz [“ … Der Springer-Verlag scheitert mit seinem 68er-Tribunal – denn keiner wollte hingehen. …“ aus „Die Beleidigten“ von Steffen Grimberg (24.8.2009) | Quelle: https://taz.de/Springers-68er-Tribunal/!5157492/] bemängelten daran, dass der Verlag versuchte, sich die Deutungshoheit über die [ ] Kritik zu sichern. Mit der Digitalisierung der historischen Artikel schuf der Verlag immerhin ein Instrument der Transparenz, indem eigene fragliche Texte offengelegt wurden. Der Gebrauch von manipulativer Sprache, von extra gesetzten Zweideutigkeiten, von strategisch eingesetzter Unsachlichkeit ist im Journalismus weiterhin gegenwärtig.
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“ … Die Rolle des Springer-Verlags zur Zeit der bundesdeutschen Studentenrevolte harrt noch immer einer wissenschaftlich fundierten Analyse. Die [ ] erschienene Online-Dokumentation [https://www.medienarchiv68.de/] wird da nicht reichen. Allerdings hofft der Verlag …. auf einen „neuen Impuls für die weitere Debatte und eine wissenschaftliche Aufarbeitung.“ Und in der Tat: Ein Schlusssatz in der Diskussion um den Springer-Verlag und 68 fehlt bis heute. … “ | Aus: „Historische Zeitungsseiten gegen ein schlechtes Image“ Michael Meyer (16.01.2010) | Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/historische-zeitungsseiten-gegen-ein-schlechtes-image-100.html
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Kontext: “ … Wie es scheint, eine unendliche Geschichte. Gerd Koenen, Chronist der Protestbewegung, hat schon vor Jahren in seinem Buch „Das rote Jahrzehnt“ (2001) die Dialektik zwischen 68ern und Springer-Presse als „unauflöslichen double-bind von narzisstischer Selbstinszenierung und medialer Vermittlung“ beschrieben. Die „hysterischen Schlagzeilen, Berichte und Karikaturen von ‚B.Z.‘, ‚Morgenpost‘, ‚Welt‘ und ‚Bild'“ hätten den „jugendlichen Protestlern“ jene „umstürzlerische Bedeutung zurückgespiegelt, die sie sich selbst unbedingt zuschreiben wollten“. …“ | Aus: „Springer lädt 68er zum Tribunal“ Reinhard Mohr (02.07.2009) | Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kampf-um-meinungsmacht-springer-laedt-68er-zum-tribunal-a-633924.html
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“ … Die Doppelbindungstheorie beschreibt die lähmende, weil doppelte Bindung eines Menschen an paradoxe Botschaften oder Signale (Doppelbotschaften) und deren Auswirkungen. … Kommunikation bezieht sich nur scheinbar direkt auf die Umwelt. Tatsächlich bezieht sie sich nur auf die von ihr nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommene innere Abbildung der Umwelt, also letztlich auf sich selbst. Diese Selbstbezüglichkeit, auch als Selbstreferenzialität oder Autoreferenzialität bezeichnet, ist typisch für jede Kommunikation. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Doppelbindungstheorie
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Stimme aus dem Off: Ich stolpere oft über das Wort Perspektive. Wie lässt sich das Problem der Perspektive im Journalismus besser fassen?

Antwort aus dem Off: Um die eigene Rolle herauszuarbeiten, müssten sich Journalisten und Leser – also sich selbst – wie ein Rechercheobjekt betrachten. Das Ziel wäre es dann, die eigene Position, den eigenen Werdegang, die eigenen Lebensentscheidungen, den gesellschaftlichen Status, den Habitus mit kritischer Distanz aus mehreren Richtungen zu betrachten.

Frage aus dem Off: Also der eigene Werdegang als Teil der Journalistischen Perspektive? Wären wir dann zuletzt bei so etwas wie einer biografisch bedingten Aspektblindheit?

Antwort aus dem Off: Wahrnehmung ist kein mechanischer Vorgang. Den biographischen Werdegang einzubeziehen bedeutet ja nicht, die journalistische Distanz aufzugeben. Es bedeutet eher die Distanz zu sich selbst zu vergrößern. Es bedeutet zu erkennen, was die eignen blinden Flecken formt. Wer beispielsweise in einem sicheren, behüteten Umfeld aufgewachsen ist, hat vielleicht keinen ausgefeilten Blick für die subtilen Mechanismen von Ausgrenzung. Es ist dann leichter möglich den existenziellen Druck zu übersehen, den andere schon als Kinder fühlen. Dann bleiben beispielsweise Zuordnungen starr. Man befragt immer wieder die gleichen inadäquaten Experten, nutzt die gleichen Archivquellen und verfehlt dadurch den Kern der Sache. Es ist klar: Alles was blinde Flecken, die „Aspektblindheit“ aufdeckt erfordert Zeit. Manchmal hilft es bei sich selber den „Anwalt des Teufels“ zu spielen: Nehmen wir bewusst die radikale Gegenposition zu unserer eigenen Meinung ein. Suchen wir nach Argumenten, die diese stützen. Aber zugegeben – im Journalismus geht es eher um die Frage der blinden Flecken in den Redaktionen.

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Zufällig aufgelesener Impuls aus der Gegenwart als Kontext #1 (wir lesen Die Zeit):


“ … Linke widersetzen sich in Erfurt, Rechte marschieren in Schwerin auf. Warum sich junge Menschen im Osten gerade vor allem für die politischen Ränder begeistern. … Bildet sich da eine Generation Hufeisen heraus, eine, die hauptsächlich Ränder wählt und wenig Mitte? …“ | Von Katharina Osterhammer, Aus der ZEIT Nr. 34/2026 | https://www.zeit.de/2026/34/jugendproteste-afd-erfurt-linke-generation-schwerin


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Okapi1 (06.08.2026): „… die Überschrift und der Vergleich („Generation Hufeisen?“) [kann] den Eindruck erzeugen [ ] als stünden linke Protestbewegungen und eine Partei mit dokumentierten rechtsextremen Strukturen auf derselben normativen Ebene. Und die Hufeisentheorie, nach der sich extreme Linke und extreme Rechte ähneln oder politisch nahekommen, ist in der Politikwissenschaft umstritten. …“
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Dirk.B “ … Das ist nicht umstritten in der Politikwissenschaft, sondern widerlegt. …“
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oliver-Oliver: “ … Die sogenannte Mitte (bzw. die Parteien der Mitte) ist in den letzten Jahren immer weiter nach rechts gekippt, insofern weiß ich nicht, ob die Begeisterung für linke und Linke Themen wirklich für das beliebte Bild der Ränder herhalten kann und sollte. …“
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Kixxx (10.08.2026): “ … Ich habe einen Fehler in der Einleitung gefunden: Wer gegen Faschisten demonstriert, ist nicht „politischer Rand“ sondern DemokratIn. …“
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House MD (11.08.2026): “ … Der Artikel hat einige Schwächen. Erstens, die Fixierung auf den Osten. Das alles ist im Westen genau so, bloß nicht ganz so augenscheinlich. Aber den Osten als so eine Art exotisches Zululand zu framen, ist natürlich bequemer. Zweitens, was soll das „Rechts, Links, Mitte“-Schema? Wenn eine Regierung 40% der Wähler vor den Kopf gestoßen hat, sind dann nicht die Regierenden die in der Extremposition? Man könnte genauso sagen, dass die Regierung von Extremisten gestellt wird, die für sozialen Kahlschlag, umweltpolitische Gleichgültigkeit und einen gewissen Rassismus („Stadtbild“) stehen, während sie diejenigen, die zur privatflugzeugfliegenden „Mittelschicht“ oder zur erbenden Oberschicht gehören, konsequent begünstigt. …“

Kontext (und Gedankenausflug) #2 (Räumliche Bezüge: es muss ja nicht immer eine Fixierung auf den Osten sein): “ … Wieso tauchen nun mehr als 20 Jahre später wieder rechte Jugendgruppen in [Hamburg] Bergedorf auf? Um die Kontinuität extrem rechter Organisierung zu verstehen, dass Rechte sich trotz Brüchen und Jahren der Inaktivität, lokal halten, hilft der Blick in eine Studie. 2019 legten Davide Cantoni, Felix Hagemeister und Mark Westcott „Persistence and Activation of Right-Wing Political Ideology“ vor [In „Persistence and Activation of Right-Wing Political Ideology“ (2019/2020) untersuchten Davide Cantoni, Felix Hagemeister und Mark Westcott die langfristige kulturelle Kontinuität rechter politischer Einstellungen in Deutschland –> https://www.davidecantoni.net/pdfs/afd_draft_20190225.pdf], in der sie eine „starke Korrelation“ der Wahlergebnisse der NSDAP zur AfD feststellten. Die Studie möchte die AfD-Wahlerfolge nicht auf einen Aspekt verengen, sie hebt aber hervor, dass „kulturelle Traditionen“ von rechtsextremem Denken „über viele Generationen“ getragen werden kann. In Bergedorf erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 17,3 Prozent, in einzelnen Wahlbüros waren es zwischen 20 und 40 Prozent. … Seit Jahren, so Cantoni, sei wissenschaftlich dargelegt, dass eine Beziehung zwischen den Einstellungen der Eltern und Kindern besteht. Sie scheint auch räumlich verankert zu sein. … “ | Quelle: https://taz.de/Rechte-Jugendliche-in-Hamburg/!6203081/
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Dirk.B (10.08.2026): “ … Was genau ist denn bitte politischer Rand, wenn man sich für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und gegen Faschisten einsetzt? Also Artikel 1 bis 16 (in seiner eigentlichen Fassung) befürwortet und sich dafür stark macht? Es macht mich immer wieder fassungslos, wie man sozial engagierte Menschen derart diffamieren und mit Extremisten und Terroristen der Rechten gleichsetzen kann, die Politiker töten, Wohnhäuser mit Menschen anzünden – und Millionen Deutsche aus dem Land werfen wollen. …“
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Briock (10.08.2026): “ … Es macht wohl einen riesen Unterschied, ob man FÜR Demokratie und Vielfalt, für soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz auf die Straße geht, oder man GEGEN Migranten, gegen Inklusion und gegen die Verfassung und unsere demokratischen Werte demonstriert und dabei von einer gesichert rechtsextremen Partei unterstützt wird. … Was ist nur los mit den Journalisten, die solche Beiträge verfassen? … ihr stellt junge Linke mit Nazis auf eine Stufe. …“
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Laus im Pelz: “ … Der Vergleich von Rechtsextremen mit politisch interessierten demokratischen Linken hinkt gewaltig! Ob Frau Osterheimer das jemals kapieren wird??? …“
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fmraaynk “ … Nein … „
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gelassen bleiben: “ … Die eigentlich interessante Frage lautet doch, warum sich Zeit-Redakteure so begeistern Linke Aktivisten mit Rechtsextremisten gleichzusetzen? …“

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Notiz und Kontext #3: Zur Hufeisentheorie und das Bild der Ränder — [“ … Das Modell stellt eine Nähe von Links- und Rechtsextremismus metaphorisch dar: Die Vertreter des Modells gehen davon aus, dass extremistische politische Haltungen aus eigentlich entgegengesetzten Lagern einander oft näher seien als den politisch moderaten Ausprägungen ihres jeweiligen „Feldes“. Nicht der Rechts-Links-Gegensatz sei entscheidend, sondern das Verhältnis zur „gemäßigten“ Mitte …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Politisches_Spektrum#Hufeisenschema]

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Kontext #4: “ … Der Begriff Extremismus der Mitte wurde von Seymour Martin Lipset in die Soziologie eingeführt. In seinem Buch Political Man (1959) schrieb er, dass der linke Extremismus seine Basis in den unteren Schichten und in der Arbeiterklasse habe, der rechte Extremismus in den Oberschichten verankert und der Faschismus in der sozioökonomischen Mittelschicht beheimatet sei. … In den 1990ern griff der Soziologe Wilhelm Heitmeyer den Begriff „Extremismus der Mitte“ wieder auf und eröffnete eine Debatte darüber, inwieweit Rechtsextremismus „aus der Mitte der Gesellschaft“ komme. Hans-Martin Lohmann publizierte 1994 den Sammelband „Extremismus der Mitte“, in dem verschiedene Autoren die These der „Anschlussfähigkeit einer Vielzahl neu-rechter Themen in der Mitte der Gesellschaft“ vertraten. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Extremismus_der_Mitte (24. Februar 2026)
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Einwurf: „Landtagswahlen 2019: Vor allem Arbeiter wählten die AfD“ von Frauke Suhr (02.09.2019) | Quelle: https://de.statista.com/infografik/19203/welche-berufsgruppen-die-afd-waehlen/ // “ … Die AfD hat bei Arbeitern so gut abgeschnitten wie keine andere Partei. 38 Prozent von ihnen haben sie bei der Bundestagswahl gewählt – deutlich mehr als bei der letzten Wahl. …“ | Aus: „Ist die AfD die neue Arbeiterpartei?“ (25. Februar 2025) | Quelle: https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/bundestagswahl-ist-die-afd-die-neue-arbeiterpartei

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Kontext #5 (Thema: Sahra Wagenknecht ): Stefan Reinecke (8.9.2022): “ … Sahra Wagenknecht betreibt in ihrer Rede im Bundestag AfD-Rhetorik. Dass Teile der Linksfraktion applaudieren, zeigt deren Orientierungsverlust. … Man kann auch mal Beifall von der falschen Seite bekommen. Bei Wagenknecht aber fragt sich, ob sie nicht längst die Seite gewechselt hat – hin zu einem putinaffinen Rechtsnationalismus mit sozialpopulistischer Garnitur. Dass Teile der Linksfraktion bei dieser Show die treuen Claqueure gaben, zeigt, wie weit ihr politischer Orientierungsverlust und ihr moralischer und intellektueller Verfall fortgeschritten sind. …“ | Quelle: https://taz.de/Wagenknecht-Auftritt-im-Bundestag/!5876807/
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Klaus Waldhans, 08.09.2022, 22:17 Uhr: “ … Wagenknecht fährt ja nicht erst seit dem 24. Februar mit einem Ticket, das auch jeder AFD’ler lösen könnte. Ob ihre Beschreibung von ’skurrilen Minderheiten‘ im Zusammenhang mit den Rechten von LGBT- Personen, die problematischen Aussagen zu Flüchtlingen, die unreflektierten Aussagen zu den Corona-Verfügungen und Impfungen, und aktuell die Einlassungen zum Krieg gegen die Ukraine, alles bewusst gesetzte Nadelstiche. Dabei ist doch gar nicht relevant, ob einige ihrer Aussagen zutreffen, wichtiger ist die Assoziierung und Provozierung, die in allen ihren Aussagen mitschwingt. Und da sie nicht auf den Kopf gefallen, ist, macht sie das bewusst und nicht zufällig. Warum die das macht, ist mir unerklärlich …“
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Alfonso Albertus, 08.09.2022, 22:44 Uhr: “ … @Klaus Waldhans: Sie macht das aus der Annahme heraus, daß der „kleine Mann“ mit derartigen Provokation wieder auf die sozialpolitisch linke Spur wechselt und bis zu einem gewissen Punkt muss man ihr dabei auch zu Gute halten, das dies in der Vergangenheit in sozialistischen Bewegungen auch genau so funktioniert hat. Anfang des 20sten Jahrhunderts ging es den Sozialisten weniger um Antirassismus oder Minderheitenrechte, sondern mehr um die ökonomischen Verbesserungen für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. … „
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Herma Huhn, 09.09.2022, 07:23 Uhr: “ … @Alfonso Albertus: Frau Wagenknecht beweist nur gerade sehr deutlich, dass auch intelligente Menschen ihren Kompass verlieren können. …“
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Leningrad 09.09.2022, 08:44 Uhr: “ … @Herma Huhn: Und wer bestimmt, wessen Kompass der „richtig ausjustierte“ ist? …“
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zio pipo, 09.09.2022, 09:49 Uhr: “ … „Man kann auch mal Beifall von der falschen Seite bekommen.“ … Es gibt etliche Nazis unter Borussia Dortmund Fans. Soll ich mich deshalb automatisch von Dortmund distanzieren, nur weil auch ein paar Nazis Dortmund gut finden? …“
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„AfD und BSW: Höcke schlägt Wagenknecht als Thüringer Ministerpräsidentin vor“ | “ … »Werden Sie Ministerpräsidentin des Freistaats Thüringen«: Björn Höcke richtet sich an Sahra Wagenknecht. Im Thüringer Landtag haben AfD und BSW eine Mehrheit …“ (13. August 2026) | https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-08/afd-sahra-wagenknecht-bjoern-hoecke-bsw-thueringen

_proeuropa: “ … Gratulation, Sahra! Merkst Du langsam, was Du anrichtest? …“

drabe: “ .. uuh, spontaner Brechreiz …“
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celsiana: “ … Mich schaudert Frau Wagenknecht. Über ein solches Angebot der AfD würde ich persönlich vor Scham im Boden versinken, doch für Frau Wagenknecht machen sich ihre Anbiederungen … offenbar bezahlt. …“

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Kontext & Exkurs #6: Fragen zu den Diskursstrategien: “ … Es stellen sich Fragen. … wird ein Triggerpunkt bewirtschaftet, um Aufmerksamkeit zu generieren? … Welche Debatten stehen im Hintergrund? Wird ein reaktionärer, sexistischer oder rassistischer Mainstream verteidigt, oder ist ein emanzipativer Anspruch erkennbar? … Wie macht es aber unser Kulturstaatsminister Wolfram Weimer? Er schmeißt alles in einen Topf. In einem Gastbeitrag für die SZ bringt er die jüngsten Angriffe Donald Trumps auf Harvard, das Aussortieren Tausender Bücher wegen angeblicher Pornografie in den US-Bibliotheken, ja sogar die blutige Unterordnung der Künste in China und Russland zusammen mit der Kritik hierzulande an den Kabarettisten Dieter Nuhr, der Autorin J. K. Rowling sowie unkritischer Ausgaben von Karl May. Über das Ungleichgewicht der jeweiligen Machtverhältnisse kein Gedanke. … Links und rechts rücken bei Weimer sowieso zusammen, Hufeisentheorie, klar. Wie wenig sie zur Klärung der Sachlage beiträgt, zeigt sich in Weimers Text: Sensitivity Reading und rechtsradikaler Kulturkampf, moralische Bedenken und tatsächliche Verfolgung von Intellektuellen – sollte man da nicht differenzieren? Weimer kolportiert lieber eine seiner Lieblingsthesen, dass nur die bürgerliche Mitte Bedeutungsoffenheit und Vielfalt der Kunst verteidigt. Aber wann ist etwas „Shitstorm“ und wann „Mitte“? … “ | Aus: „Im tiefen Tal der Hufeisentheorie“ Dirk Knipphals (5.6.2025) | Quelle: https://taz.de/Kulturstaatsminister-Wolfram-Weimer/!6092417/
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Claude Nuage, 05.06.2025, 23:33 Uhr: “ … Wenn die Hufeisentheorie eine rechte Fantasie ist, dann erkläre mir einer, warum BSW und „Linke“ die gleiche Außenpolitik machen wie die Nazis von AfD und NPD. …“
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hinrich, 07.06.2025, 20:04 Uhr: “ … @Claude Nuage: Tun Linke und AfD nicht. Die Linke verurteilt den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Verweist auf internationale Solidarität und arbeitet darauf hin, dass die Ukraine zivil und über Sanktionen gegen Russland unterstützt wird. Zugleich hat sie schon lange einen Standpunkt gegen Waffenexporte in Kriegsgebiete. Die AfD verweist auf Nationalismus. Russland sei vom Westen bedroht worden (Nato-Osterweiterung). Sanktionen und Waffenexporte schaden „dem Volk“. Aus Nationalismus heraus soll mit Russland Frieden geschlossen werden. Die Klammer ist auch das Dogma des Ethnopluralismus. D. h., es könne mehrere „Völker“ geben, die ihre jeweilige Einflusssphäre besitzen und sich nicht „vermischen“. Die Standpunkte sind diametral verschieden. Die Gemeinsamkeit ist das Nein zu Waffenexporten. Jedoch auch das aus nicht zusammenzubringenden Motiven. Für mich ist das BSW keine linke Partei. Sie hierarchisiert Menschen und geht somit nicht von der Gleichwertigkeit der Menschen als Merkmal linker Politik aus. …“
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Henne Solo, 05.06.2025, 16:01 Uhr: “ … „Dass er [Wolfram Weimer] hier selbst als Kulturkämpfer auftritt, scheint er gar nicht zu bemerken.“ Wieso sollte er das nicht merken. Er hat sich doch als genau solcher beworben. Der Mann hat ein Pamphlet namens „das konservative Manifest“ verfasst, in dem er offen seine Hufeisenfixierung zur schau trägt, sich gleichzeitig autoritär und libertär gibt und mit Blut und Boden Argumenten daherkommt, während er den Antisemitismus der Linken (die im Gegensatz zu den Konservativen die Nazis bekämpft haben) und den Muslimen in die Schuhe schiebt und den (zumindest historisch) deutlich einflussreicheren Antisemitismus der Mitte leugnet [„Die konkrete Anmerkung bezieht sich auf die Frage, ob sich Wolfram Weimer demografische Sorgen um die „Fortdauer des eigenen Blutes“ mache, was in der Tat, wenn es zutrifft, eine reaktionäre Denkweise ist. Im Hintergrund steht der bissige Kommentar Jürgen Kaubes zur Berufung Weimers. Der Feuilletonherausgeber der FAZ hatte einige markante Stellen aus Weimers Buch „Manifest des Konservativen“ aufgezählt und dabei kritisch erwähnt, Weimer mache „sich demografische Sorgen um die ‚Fortdau­er des eigenen Bluts‘ und die ‚biolo­gi­sche Selbst­auf­ga­be‘ Europas“. …“ | https://taz.de/Kulturstaatsminister-Wolfram-Weimer/!6081483/]. Der Mann wurde genau deswegen ausgewählt. Es soll den deutschen die (nun mal tendenziell eher progressive) Kultur austreiben. Wenn wir dann wieder unter röhrenden Hirschen Heino hören, hat er sein Ziel erreicht. …“
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Tz-B, 06.06.2025, 09:28 Uhr: “ … @Henne Solo: Es gab durchaus Konservative im Widerstand gegen Hitler. Und bitte nicht immer Kritik an Israel – an Netanjahu – mit Antisemitismus gleichsetzen. …“

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Kontext zu sprachlichen (textlichen) Methoden #7
Hedges (Hecken), Framing (Interpretationsrahmen) und Priming (Anbahnung)

Frage aus dem Off: Bei vielen Positionsdebatten überkommt einem leicht das Gefühl von Verwirrung durch die Unschärfe der durcheinandergeworfenen Begriffe – Für das Benutzen von Unschärfe bei Worten und Bedeutungen gibt es in der englischen Sprache ein Wort: Hedges – Was für eine Rolle spielen Hedges im Journalismus?

Antwort aus dem Off: Sprechen wir zunächst über Priming – zu Deutsch über die Anbahnung. Priming nennt man eine erste unbewusste Beeinflussung des Adressaten, des Lesers durch eine Botschaft. Die Anbahnung (das Priming) ist dafür da, dass bestimmte Textinhalte ihren Weg auf gewünschte Weise ins Gedächtnis, ins Bewusstsein finden. Kommen wir zu den Hecken – den Hedges. Die Linguistik untersucht schon lange, wie Sprecher, Autoren, Journalisten Bedeutungsunschärfe durch Hedges steuern. Der Begriff Hedges wurde 1972 von dem Linguisten George Lakoff [George Philip Lakoff (* 24. Mai 1941 in Bayonne, New Jersey) –> https://de.wikipedia.org/wiki/George_Lakoff] in die Sprachwissenschaft eingeführt. Er definierte Hedges als Wörter oder Phrasen, deren Aufgabe es ist, Gegebenheiten mehr oder weniger gezielt unscharf zu machen. Hedges verändern den Inhalt – die Proposition – den Aussageinhalt eines Satzes. Sie modifizieren die Zugehörigkeit eines Gegenstands zu einer Kategorie. Sprechende oder Autoren setzen Hecken selten aus Unvermögen ein, sondern meist strategisch, um komplexe kommunikative Ziele zu erreichen. In der journalistischen Arbeit sind Hedges ein tägliches, manchmal aber auch unbewusst genutztes Werkzeug. Durch Hecken steuern Autoren den Glaubwürdigkeitsgrad und den Interpretationsrahmen – das Framing – einer Nachricht. Beispiel: „Der Kanzler wirkt bei seiner Krisenbewältigung ein Stück weit überfordert.“ Der kognitive Effekt ist: Durch das „ein Stück weit“ schwächt der Journalist das harte Urteil „überfordert“ scheinbar ab. Kognitiv passiert jedoch das Gegenteil: Das Konzept der „Überforderung“ wird erfolgreich im Kopf des Lesers verankert. Ein anderes Beispiel: Eine hochgradig spekulative oder ehrverletzende Behauptung wird aufgestellt, aber durch ein Fragezeichen am Ende formal in eine Frage umgewandelt: „Prügel-Drama bei Promi-Paar? Hat ER sie geschlagen?“ – Das Gehirn des Lesers verarbeitet diese emotionale Information „Prügel-Drama“, „geschlagen“ sofort bildhaft und speichert den Verdacht ab – die Anbahnung, das Priming findet statt. Die Hecke – hier das Fragezeichen – wird kognitiv meist überlesen. Juristisch ist das Journalistische Medium jedoch abgesichert, da es keine Tatsachenbehauptung aufgestellt, sondern „nur eine Frage gestellt“ hat. Ein anderes Beispiel: Die Hecke „Ganz Deutschland“ ist fast eine totale Generalisierung, ebenso wie „Die Deutsche Wirtschaft“ hier werden semantische Unschärfen strategisch eingesetzt und erzeugt beim Leser das Gefühl einer Norm. Es wird ein falscher Konsens simuliert.

[Mythen meiner Kindheit #31… ]

Louise Osborne (31.12.2010) “ … Jemanden, der lallt oder betrunken versehentlich aus einem Blumentopf trinkt, habe ich einfach schon zu oft gesehen. Über die hundertste Wiederholung kann ich deshalb nicht mal mehr müde lächeln. …“ | Quelle: https://taz.de/Warum-Briten-Dinner-for-One-kaltlaesst/!5129531/

Ähnlich habe ich auch empfunden. Es gibt demgegenüber Gedanken, die einem erst vor einem Grab stehend in den Kopf fallen. Eine Erinnerung kippt zur nächsten. Wie umstürzende Dominosteine. Einer dieser Dominosteine ist bei mir Dinner for One. In den 1970er Jahren hatte ich – meinem Kinderlebensgefühl nach – eine außergewöhnliche Realitätsinsel. Da gab es braunes Geschirr, die farbigen Servierten, den Wandteppich mit dem Schiffsmotiv, die Zierpflanzen, Apfelsaft, festen Regeln, warmen Kacheln im Badezimmer, die Couch und die Sessel im Wohnzimmer. Ich kannte den Geruch des Bücherregals oder das Quietschen beim öffnen von Schubladen. Ich war bei „meiner Oma Stasi“. Dort war der Gegenort zum manchmal stürmischen Familiengeschehen. Was hat das mit Dinner for One zu tun? – Oma Stasi feierte an Silvester ihren Geburtstag. Ein Ritual. Luftschlangen hingen am Deckenleuchter. Mindestens ein kleiner schwarzer Schornsteinfeger – mit einer Leiter im Arm – stand als Glücksbringer mit Tischbomben, gedruckten vierblättrigen Kleeblättern und Dekorationsschweinen auf dem Essenstisch. Zum Essen würden dann auch die anderen kommen. Mein Vater im Anzug. Ich kannte ihn sonst eigentlich nur in Jeans. Stundenlang roch es seltsam, bevor der Karpfen serviert wurde. Dazu Kartoffeln. Meerrettichsahne. Flüssige Butter. Petersilie. Es war alles geregelt: In den Ferien musste ich – spätestens wenn der Tatort mit seiner unverkennbaren Titelmusik begann – ins Bett. Die Schlafzimmertür durfte angelehnt bleiben – so konnte ich das Filmgeschehen gedämpft und leise über den Flur mithören. So fühlte ich mich nicht alleine und hatte keine Angst. Der Silvesterabend war anders. Ich durfte aufbleiben. Der Röhrenfernseher im Wohnzimmer zeigt Dinner for One. Die infrarot Fernbedienung liegt vor uns auf dem kleinen Tisch. Die Kinderaugen sehen einen Butler und eine alte Frau. Schwarzweißbilder, Lacher im Publikum. Ich verstand irgendwie nichts, konnte kein englisch, aber ich freute mich, wenn meine Oma Stasi lachte – Ernst, weißhaarig, lachte neben ihr laut durch die Nase. Ernst lachte ein bisschen so wie Ernie von Ernie und Bert aus der Sesamstraße. In seiner Schrift über den Witz und seine Beziehung zum Unbewussten betonte Freud, dass der Lustgewinn beim Witz auf einer kurzzeitigen Lockerung von Verdrängungen beruhe. [„Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“]. Später erst begriff ich: Dinner for One führt die menschliche Abwehr von Vergänglichkeit vor. Dinner for One zeigt die Dynamik von Abhängigkeit (Dienen und Herrschen) und die daraus resultierende neurotische Beziehung. Der ausgestopfte Tigerkopf, über den James stolpert – oder nicht – wurde für mich ein Sinnbild zur Wiederkehr des Verdrängten. Natürlich ist das lustig. Aber vielleicht kann man mit Stolperslapstick und auf betrunken machen heute nicht mehr kommen. Es gibt auch „meine Oma Stasi“ ist mehr. Das Haus ist verkauft. Die Welt der 1970er ist längst versunken. Oma Stasi bekam Alzheimer. Das war grausam. In Holzkisten lagere ich ihre selbst angelegten Bilderalben, mit eingeklebten Fotos zwischen dünnem Pergamentpapier, in denen sie handschriftlich die Jahreszahlen und Namen eingetragen hat. Die Bilder von Dinner for One und die Bilder in den Fotoalben Teilen den gleichen Mechanismus, ein ähnliches Prinzip: In den Fotoalben sehe ich auf Zeiträume, in denen verstorbenen Menschen für einen kurzen Augenblick durch ihr Bild, durch das Foto, für mich in die Gegenwart treten – und ich selbst werde beim Blick auf ein Foto zu einer Miss Sophie.

Freddie Frinton als James und May Warden als Miss Sophie (1963)


Hintergrundrauschen: “ … Juli 1963 wird Dinner for One aufgezeichnet. Um die Illusion von Theateratmosphäre zu erzeugen, wird im Studio schnell ein Publikum aus NDR-Mitarbeitern zusammengestellt. Darunter ist auch Sonja Göth, die einen Lachkrampf bekommt, als Frinton über den Kopf eines Tigerfells stolpert und sein Tablett in hohem Bogen davonfliegen lässt. So schreibt sich Göth zum Unmut des Aufnahmeleiters für die Nachwelt gut hörbar in die Geschichte des Sketches ein. … 1972 zieht NDR-Unterhaltungschef Henri Regnier das Band aus dem Archiv und platziert es zu Silvester. Seitdem läuft „Dinner for One“ … jedes Jahr zum Jahreswechsel … “ | Aus: „8. Juli 1963 – „Dinner for One“ wird aufgezeichnet“ (08.07.2013) | Quelle: https://www1.wdr.de/stichtag/stichtag7664.html | “ .. Im Ursprungsland Großbritannien wurde Dinner for One nur vereinzelt ausgestrahlt und ist weitgehend unbekannt. … “ | | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dinner_for_One

[RWF #22… ]

“ … Amerika, 1878. Im Haus des reichen Farmers Ben Nicholson herrscht Dekadenz und Intrigantentum. Bens junge Frau Kate interessiert sich nur für Sex und Geld und wartet sehnsüchtig auf den Tod ihres Mannes. Während Bens Kinder aus erster Ehe debil sind, wird Whity, sein illegitimer Sohn aus der Beziehung mit der schwarzen Köchin, von der ganzen Familie je nach Belieben als Dienstmann, Lustobjekt, Kindermädchen und Prügelknabe missbraucht. Widerstandslos erträgt er seine Rolle, bis ihm die Prostituierte Hanna die Augen öffnet. Whity holt zum umfassenden Strafgericht aus. … “ | Aus: „Whity“ (Drama aus dem Jahr 1971 von Rainer Werner Fassbinder mit Günther Kaufmann und Ron Randell) | Quelle: https://www.moviepilot.de/movies/whity

alter.native (2018): “ … Whity gehört zu Fassbinders Anfängerfilmen, man sieht den Einfluss seiner Antitheater-Spielweise noch deutlich und sein eigener Auftritt ist sowas von unterirdisch . . . ! Aber er ist ein schönes Zeitdokument …“ | –> https://de.wikipedia.org/wiki/Antiteater | Kontext: Die Bedeutung des antiteater-Kollektivs für den Übergang zum Film –> Alexander Stiefel: Rainer Werner Fassbinders Frühwerk: Mit dem Antiteater-Kollektiv zum Film (2012) –> https://d-nb.info/1339999226 | https://monami.hs-mittweida.de/files/2169/BACHELORARBEIT.pdf


“ … Whity is a fascinating Weltschmerz spaghetti western …“ | From: „Review: Whity“ Ed Gonzalez (2. September 2003) | Source: https://www.slantmagazine.com/film/whity/ | Whity ist ein deutscher Spielfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1971. In diesem Melodram in der Form eines Westerns verarbeitet Fassbinder einige seiner bevorzugten Themen wie dysfunktionale Familienverhältnisse und die Rolle des Einzelgängers in der Gesellschaft. … Weder das Premierenpublikum noch die Filmkritik zeigte sich besonders beeindruckt von Whity.–> https://de.wikipedia.org/wiki/Whity


“ … Die zentralen Kategorien, um die die Geschichte kreist, sind Geld und Liebe und die Beherrschung aller Akteure durch diese beiden Momente. Whitys Familie ist beherrscht von Verrat und Intrigen. Katherine will Alleinerbin des Besitzes werden. Für Frank gilt dasselbe. Und Ben will seine lästige Frau, die er durch die Intrige mit dem falschen Arzt überführt hat, los werden. Für Whity ist diese Familie auch seine Familie – trotz der sklavenhalterischen Umstände, unter denen er dort leben muss. Man könnte auch sagen: Whity ist das schwarze Schaf dieser Familie – was besonders deutlich würde, wenn man den Film seiner „Südstaaten-Verkleidung” berauben würde. … Es geht also um das Austarieren der Möglichkeiten eines Menschen, sich trotz aller Widrigkeiten in derartige Strukturen zu integrieren. Whity versucht dies bis an die Grenzen des Möglichen. … Die Wüste, das Nichts, das Ex-Territoriale ist eine nur für kurze Zeit mögliche Stätte der Gefühle jenseits des Geldes. Das Scheitern von Whity und Hanna hat trotzdem etwas Tröstliches, weil es das Scheitern eben jenseits dieser Allmacht verkörpert. Gleichzeitig ist dieser tröstliche Schluss aber auch geprägt von der tragischen Einsicht der Aussichtslosigkeit eines freien Lebens freier Menschen innerhalb der bestehenden Strukturen. … “ | Aus: „Whity – Deutschland 1971, 95 Minuten (DVD: 92 Minuten) Regie: Rainer Werner Fassbinder“ | Quelle: https://www.follow-me-now.de/html/body_whity.html

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Whity | Director: Rainer Werner Fassbinder
Director of Photography: Michael Ballhaus
Production Design: Kurt Raab | Year: 1971
https://film-grab.com/2013/05/29/whity/

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Frage aus dem Off: Warum kam Whity 1971 nicht in die Deutschen Kinos?

Antwort aus dem Off: Die zeitgenössische Kritik strafte den Film ab. Er wurde von Rezensenten unter anderem als eine Art „Edelschnulze ohne Tiefgang“ verspottet. Andere sahen in ihm eine misslungene Parodie auf das damals populäre Genre des Italo-Westerns. Da kommerzielle Verleiher das finanzielle Risiko scheuten, blieb nur das Fernsehen als Abnehmer. Aber auch die Deutschen Fernsehanstalten wollten Whity nicht. Aufgrund dieses doppelten Desinteresses von Kino-Verleihern und TV-Sendern verschwand das Werk im Archiv. Der Film Whity wurde erst am 21. November 1989 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Die TV-Premiere fand auf dem Privatsender ProSieben statt – mehr als 18 Jahre nach seiner Uraufführung. Während Whity 1971 als isoliertes, misslungenes Experiment abgetan worden war, ermöglichte die Ausstrahlung am Ende der 1989er-Jahre – sieben Jahre nach Fassbinders Tod – eine völlig neue Lesart aus der historischen Distanz. Jetzt erst wurde gesehen, dass Whity den Wendepunkt markierte, an dem Fassbinder seine frühe, spröde Theater-Ästhetik verließ, um sich den großen Gefühlswelten des Regisseurs Douglas Sirk zuzuwenden.

Frage aus dem Off: Noch mal zurück in der Zeit. Wie reagierte die Presse im Jahr 1971?

Antwort aus dem Off: Es gab 1971 durchaus eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung mit Whity. Die Kritiker lehnten den Film zwar mehrheitlich ab, taten dies aber nicht nur aus handwerklichen Gründen, sondern arbeiteten sich ganz konkret an Fassbinders radikaler inhaltlicher und formaler Dekonstruktion ab. Mehrere Kritiker warfen Fassbinder 1971 vor, das Thema Rassismus und Unterdrückung nicht ernsthaft politisch, sondern rein ästhetisch zu behandeln. Anstatt die realen historischen Ursachen zu analysieren, nutze Fassbinder das Thema nur als Kulisse für seine persönlichen Lieblingsthemen. Es blieb dennoch nicht verborgen, dass die zerrüttete Nicholson-Familie als Metapher für kapitalistische und patriarchale Machtstrukturen angelegt war. Aber für das damalige durchaus linke Kinopublikum war der Film irritierend stark sexualisiert, die sadistische Ebene wurde oft als „zu privat“ und der Film als zu wenig klassenkämpferisch empfunden. Der größte Vorwurf war Eskapismus. Das linke Bildungsbürgertum und die Filmkritik erwarteten von Vertretern des Jungen Deutschen Films gesellschaftskritischen Realismus. Dass Fassbinder mit Whity ein hochstilisiertes, künstliches Melodram im Stile Hollywoods drehte, wurde ihm inhaltlich als Rückschritt und Verrat an den Idealen der 68er-Bewegung ausgelegt. Die stark weiß geschminkten, maskenhaften Gesichter der Herrschaftsfamilie wurden als billiger Theater-Effekt abgetan. Die weißen Gesichter und die ungelenk langsamen Bewegungen der Nicholson Kinder wurden erst Jahre später als visuelle Chiffren für die Erstarrung und die „Zombielike-Existenz“ der herrschenden Klasse erkannt. Fassbinders Ansatz, gesellschaftliche Unterdrückung über Psychodrama, künstliche Ästhetik und Kinomythen zu erzählen, wurde erst Jahre später begriffen. Was 1971 noch als Theaterkitsch, misslungene Parodie oder Whiteface-Mummenschanz kritisiert wurde, las die Kritik ab 1989 als wegweisende postmoderne Dekonstruktion. Das Spiel mit Kinomythen des Westerns, die Technicolor-Scope-Bilder und die betont künstliche Maskenhaftigkeit der Figuren wurden nun nicht mehr als handwerklicher Mangel ausgelegt. Stattdessen wurde den Film als eine bewusste, stilisierte Parabel über Macht und Unterdrückung gedeutet. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet der damals junge, kommerziell ausgerichtete Privatsender ProSieben diesen lange Zeit verschollenen, avantgardistischen Film aus dem Archiv holte, während die öffentlich-rechtlichen Sender das Werk über fast zwei Jahrzehnte ignoriert hatten. Die Resonanz von 1989 legte den Grundstein dafür, dass Whity in den frühen 1990er-Jahren dann endlich auch den Weg in die Programmkinos fand.

Frage aus dem Off: Waren die Deutschen zu humorlos in Bezug auf Whity?

Antwort aus dem Off: Die späten 1960er und frühen 1970er Jahre waren in der deutschen Kulturlandschaft extrem politisiert. Film wurde als Werkzeug zur gesellschaftlichen Aufklärung und Revolution verstanden. Diese Humorlosigkeit war also kein Zufall, sondern lag auch an einer Kollision von Erwartungshaltungen. Fassbinders Filme, ganz besonders Whity, sind durchzogen von Elementen des Camp, einer Ästhetik des bewusst Übertriebenen, Künstlichen und Theatralischen, sowie einer tiefen, oft extrem bitteren Ironie. Wenn die herrschende weiße Familie in Whity unnatürlich kalkweiß geschminkt ist und sich mechanisch wie Zombies verhält, steckt darin eine böse, satirische Komik. Die deutsche Kritik von 1971 besaß damals schlicht nicht das popkulturelle Vokabular, um auf diese Art von sarkastischer Übersteigerung zu reagieren. Fassbinders Humor war den Intellektuellen zu zynisch und nihilistisch. Dass er ernste Themen wie Rassismus, Unterdrückung oder sexuelle Ausbeutung in Form einer grotesken, bizarren Italo-Western-Parodie verpackte, empfand das Bildungsbürgertum als geschmacklos und politisch unproduktiv. Man lachte nicht, weil man den Witz moralisch unzulässig fand. In Deutschland gab es historisch eine strikte, fast neurotische Trennung: Kunst und Politik mussten schwer, schmerzhaft und ernst sein. Unterhaltung und Genrezitate galten als verdächtig. Fassbinder versuchte diese Starrheit aufzubrechen, indem er die Mechanismen des melodramatischen Hollywood-Kino für seine Inhalte nutzte. Für diese Grenzüberschreitung wurde er vom deutschen Publikum, das Kino mit fast mit pädagogischer Arbeit gleichsetzte, lange Zeit abgestraft. Wie humorlos die deutsche Rezeption war, zeigte sich oft im Vergleich zum Ausland. In Frankreich oder den USA wurden Fassbinders Filme oft viel schneller als „garstig komische“ Gesellschaftssatiren verstanden. Dort feierte man den provokanten Humor und den Mut zur Hässlichkeit, während man in Deutschland primär Skandale witterte und sich moralisch echauffierte. Es fällt auf, dass es lange dauerte bis sich in Deutschland die popkulturelle Distanz einstellte die es braucht, um den sarkastischen Humor in Fassbinders Blick auf die deutsche Seele würdigen zu können. Klar, Fassbinders Humor war nie zum „Schenkelklopfen“ gedacht. Es war ein Humor der Verzweiflung. In Interviews zeigte sich Fassbinder oft frustriert. Er wehrte sich vehement gegen das Korsett des reinen „Problemfilm-Regisseurs“. Fassbinder warf den deutschen Feuilletonisten wiederholt vor, Filme nur mit dem Kopf und nach ideologischen Checklisten zu bewerten, statt sich auf die Inszenierung einzulassen. Er empfand die Erwartung, Kunst müsse stets eine moralisch korrekte, pädagogische Botschaft liefern, als zutiefst beschränkt und lähmend. Wer Fassbinders Filme heute ohne die Verbissenheit der 1970er-Jahre schaut, entdeckt eine Fülle von tiefschwarzer Komik, Groteske und Satire.

[Zum Phantombesitz #1]

Zur Archäologie der Seele (Anmerkung I): Das Töten aus Lust hat nicht nachgelassenOder Gedanken zum Gewaltensable in der Psyche…

Symbolbild: Archäologie entdecken im Zentrum Hamburgs (1962) … „Das ringförmige Turmfundament aus dem 12. Jahrhundert mit seinen 19 Metern Durchmesser ist das älteste erhaltene Steingebäude der Hamburger Altstadt.“ | via (Archäologie entdecken im Zentrum Hamburgs)

Kontext: “ … Die kognitive Archäologie versucht, aus den archäologischen Hinterlassenschaften der frühen Menschen Rückschlüsse auf ihr Denken und ihre kognitiven Fähigkeiten zu ziehen. Der britische Archäologe Colin Renfrew hat die Bezeichnung kognitive Archäologie in den 1980er-Jahren geprägt … Zu den heute wichtigsten Vertretern der kognitiven Archäologie gehört Steven Mithen. In seinem Buch „The prehistory of the mind“ beschreibt er, wie sich der menschliche Geist entwickelt hat. …“ | Kognitive Archäologie –> https://de.wikipedia.org/wiki/Kognitive_Arch%C3%A4ologie



Einstiegspunkt in das Feld der Realität: “ … Vor dem Treffen des Arktischen Rates, der 1996 zum Interessenausgleich zwischen [ ] Staaten und den in der Region lebenden indigenen Völkern gegründet wurde, richtete der russische Außenminister Sergej Lawrow eine deutliche Warnung an den Westen: Die Arktis sei russisches Territorium — alles, was Russland dort militärisch unternehme, sei „legitim“, erklärte er. | Quelle: https://www.stern.de/panorama/wissen/natur/russischer-anspruch-auf-die-gesamte-arktis-30531518.html | Es fühlt sich unausweichlich an [es gilt] alles wie Besitz zu behandeln – nicht nur das materielle Eigentum, sondern auch erworbenen Status, unsere Gefühle, den Respekt, von dem wir meinen, dass er uns zusteht. Unsere Gefühle kommen nicht aus dem Nichts, sondern aus der [Ordnung], die uns umgibt. … im Vernichtenkönnen beweist sich der Besitzanspruch … | … US-Präsident Trump droht vor dem Ablauf des von ihm gesetzten Ultimatums mit der Auslöschung „einer ganzen Zivilisation“. …“ | Aus: „Entsetzen über Trumps Drohung „ganze Zivilisation wird sterben““ (07.04.2026) | Quelle: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/entsetzen-ueber-trumps-drohung-ganze-zivilisation-wird-sterben,VG8HJDv | “ … In der Stadt Gaza sind 112 Palästinenser beigesetzt worden, deren Leichen fast drei Jahre nach einem israelischen Luftangriff aus den Trümmern geborgen wurden. Die Toten wurden am Dienstag bei einem Massenbegräbnis in der Stadt Gaza beerdigt, wie der Zivilschutz des von der Hamas kontrollierten Innenministeriums mitteilte. Demnach gehörten die Opfer zu den mehr als 300 Menschen, die am 22. November 2023 bei einem Luftangriff auf einen Wohnblock im Stadtteil Sabra ums Leben kamen. Einsatzkräfte hätten die Leichen nach 136 Stunden Suche am Wochenende geborgen. …“ | Aus: „Drei Jahre unter den Trümmern, nun beerdigt“ (5.8.2026) | Quelle: https://taz.de/-Nachrichten-im-Gaza-Krieg-/!6201870/ | “ … Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kyjiw und ihre Umgebung in der Nacht erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Dabei seien mindestens 17 Menschen getötet worden, teilte Präsident Wolodymyr Selenskyj auf X mit. Demnach wurden mindestens 44 Menschen verletzt. …“ | Aus: „Ukraine meldet 17 Tote nach russischen Angriffen in Region Kyjiw“ (5. August 2026) | Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-08/kyjiw-raketenangriff-russland-ukraine-tote-gxe

usw.

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Frage aus dem Off: Woher kommt die anhaltende Lust am Martialischen, an der Zerstörung, die Lust auf Besitz, die Lust am Töten. Woher kommt die andauernde Entfachung des Todestriebs? | [ … [“ … Eine besondere Rolle bei der Entwicklung der Konzeption des Todestriebs spielte für Freud dabei die Erfahrung des Ersten Weltkriegs, der ein bis dahin noch nie erlebtes Ausmaß an menschlicher Zerstörungslust offenbarte. Erich Fromm analysierte in seiner Schrift Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973) unter anderem Adolf Hitler und Heinrich Himmler als „destruktive“, auf pathologische Weise vom Todestrieb beherrschte Charaktere. …“ | –> https://de.wikipedia.org/wiki/Todestrieb ] … ]

Antwort aus dem Off: Ich glaube heutige Gewalt – in diesem Sinne nach dem Todestrieb befragt, lässt sich nicht ohne einen Blick auf die Geschichte der Gewalt nachvollziehen. Gemeint sind die grausamen Ablagerungen, die seelisch düsteren Sedimente aus der Gewaltgeschichte der Menschheit. Martialisches Handeln in der heutigen Politik ist für mich ein Symptom für eine Resignation gegenüber der Aufklärung. Handlungen von blinder Gewalt erscheinen mir wie eine Art geistige Schwäche, eine Überforderung gegenüber einer komplexen Moderne. Gewalt so gesehen entspringt einer Hilflosigkeit, einem düsteren Trieb, einem blinden Bedürfnis. Gewalt als letzter Ausweg, als ein psychologischer Schutzmechanismus, um in einer unübersichtlichen und verwirrenden Welt durch Aggression ein Gefühl von Kontrolle und Eindeutigkeit zurückzugewinnen. Das Ergebnis sind dann neue verehrende Verletzungen. Die Gewaltspirale beginnt von Neuem.

Frage aus dem Off: Wie lässt sich die Dominanz, die Intensität des Todestrieb übergreifend herleiten?

Antwort aus dem Off: In der Steinzeit war physische Aggression teilweise überlebensnotwendig für Jagd, Territorialverteidigung und Schutz. Diese biologischen Programme, die Kampf-oder-Flucht-Mechanismen, sind in unserem Gehirnen nach wie vor schnell bereit die Kontrolle zu übernehmen. Die zentrale These von Hans Georg Wunderlich in seinem 1974 erschienenen Buch „Die Steinzeit ist noch nicht zu Ende. Eine Psycho-Archäologie des Menschen“ lautet, dass die menschliche Psyche, dass unsere Verhaltensmuster und unsere emotionalen Reaktionen im Kern immer noch auf steinzeitliche Muster fixiert sind. In uns hallen noch immer die Riten der Horde und der Familie nach.
Während sich die planetarische Zivilisation, die Technik rasant weiterentwickelt haben, hinkt die psychische Evolution, die geistige Entwicklung der Menschheit hinterher. Wir sind moderne Wesen, die mit dem seelischen Apparat von eiszeitlichen Jägern und Sammlern agieren. Phänomene wie Massenhysterie, blinder Gehorsam, Aggression, Fremdenfeindlichkeit (Territorialverhalten) und das Bedürfnis nach Sündenböcken sind direkte Relikte steinzeitlicher Überlebensstrategien. Damals schützten Menschen vielleicht tatsächlich noch die eigene Horde – heute, in einer globalisierten Welt mit Massenvernichtungswaffen, vernichten wir Menschen das Leben von anderen Menschen in einer gesteigert irren Art. Der Modus ist die Perversion. Jeder spürt es: Die moderne Kultur, Moral und Rationalität sind nur eine dünne, fragile Oberfläche. In Krisen- oder Stresssituationen bricht diese Kruste auf, und ein darunterliegendes archaisch-blind-dumpfes Verhaltensprogramm übernimmt die Kontrolle. Ich denke es ist daher Zeit sich mit der schmerzhaften Wahrheit über die verdrängten Gefühle, Ängste, Kränkungen und Lebenslügen zu konfrontieren – privat wie politisch. Spüren wir den Phänomenen nach …

Frage aus dem Off: Wir kreisen um einen Begriff – oder?

Stimme aus dem Off: Ja.

Frage aus dem Off: Es geht um das Gewalterbe.

Stimme aus dem Off: Dabei ist das Gewalterbe eben kein biologisches Schicksal, sondern ein dysfunktionaler Abwehrmechanismus, bei dem das Gewaltproblem der Vergangenheit in der Gegenwart reinszeniert wird. Ein letztlich hilfloser Versuch eigene psychische Ohnmacht zu bekämpfen. Es ist oft in Familien zu beobachten: Die nicht geglückte Abwehr von Ohnmacht – beispielsweise durch Täter-Opfer-Umkehr. Oder durch Schweigen. Eine Reinszenierung mit falschem Vorzeichen! – Wir neigen dazu, ungelöste Traumata so lange in Beziehungen zu wiederholen, bis sie verstanden sind. Wenn die Eltern eine Verletzung nicht integrieren konnten, „vererben“ sie die emotionale Ladung an die Kinder, in der unbewussten Hoffnung, die nächste Generation könne den Konflikt lösen. Scham und Sprachlosigkeit verhindern meist das Weiterkommen. Und so kippt es auch bei nächsten Generationen wieder in die Lüge, die Härte, in die Brutalität. Sei es nun auf seelischer oder körperlicher Ebene.

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“ … Im ersten Kapitel des Buches – „Dieser Drang nach Härte: Ausverkauf der Symbole oder warum wir einen Begriff des Faschismus brauchen“ – bemängelt Redecker den inflationären Gebrauch des Vorwurfs, etwas oder jemand sei faschistisch. Keiner wisse mehr so genau, was mit der ultimativen Anschuldigung eigentlich gemeint sei. Sie diagnostiziert: „Genau in dem Moment, wo wir sie am dringendsten brauchen, scheint die Sprache, mit der wir über den Faschismus reden, kaputtgegangen zu sein.“ Dagegen helfe aus philosophischer Sicht nur das Bemühen um brauchbare Begriffe. … Gemäß Redeckers Definition bildet eine „entfesselte Eigentumslogik“ den Kern des Faschismus. „Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.“ Das seien diejenigen, die ein „Quasi-Eigentum“ angreifen und deshalb liquidiert werden müssen. Faschisten würden sich im Verteidigungsmodus sehen. Somit sei Faschismus „liquidierende Phantombesitzverteidigung“. Er habe ein Objekt – den Phantombesitz, der zu schützen ist – und ein Abjekt – „das Phantasma, das ausgelöscht werden muss“. …“ | Aus: „Dieser Drang nach Härte“ (14. Juli 2026) | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Dieser_Drang_nach_H%C3%A4rte
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Dirk Kaesler (Glosse, Nr. 7, Juli 2010): “ … Die heutige kapitalistische Ordnung ist der Kosmos, in den der einzelne hineingeboren wird und der für ihn als faktisch unabänderliches Gehäuse, in dem er zu leben und zu sterben hat, gegeben ist. Er zwingt allen Menschen, weil sie unentrinnbar im Markt verflochten sind, gleichermaßen seine Logiken auf. …“ | Aus: „Die globale Zwangsreligion der Menschheit“ | Zu: Reinhard Achenbach / Martin Arneth (Hg.): „Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (Gen 18,19). Studien zur altorientalischen und biblischen Rechtsgeschichte, zur Religionsgeschichte Israels und zur Religionssoziologie ; Festschrift für Eckart Otto zum 65. Geburtstag. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009. 542 Seiten, ISBN-13: 9783447061056 | Quelle: https://literaturkritik.de/id/14504
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“ … Viele Amerikaner können sich an nichts anderes als eine Wirtschaft mit in einer raketenhaft ansteigende Ungleichheit erinnern, in welcher der Lebensstandard für die meisten Amerikaner stagniert und die Reichen sich absetzen. Es fühlt sich unausweichlich an. …“ [Many Americans can’t remember anything other than an economy with skyrocketing inequality, in which living standards for most Americans are stagnating and the rich are pulling away. It feels inevitable. | From: „Our Broken Economy, in One Simple Chart“ By DAVID LEONHARDT (AUG. 7, 2017) —> https://www.nytimes.com/interactive/2017/08/07/opinion/leonhardt-income-inequality.html] | [ „Armut in den Vereinigten Staaten bezeichnet die wirtschaftliche Notlage eines erheblichen Teils der Bevölkerung in einem der weltweit reichsten Länder. Nach offiziellen Kriterien des US Census Bureau lebten 2024 ca. 10,4 % der US-Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, etwa 36 Millionen Menschen. … “ –> https://de.wikipedia.org/wiki/Armut_in_den_Vereinigten_Staaten] | Armut in Deutschland –> https://de.wikipedia.org/wiki/Armut_in_Deutschland | Länder nach Armutsquote –> https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_L%C3%A4nder_nach_Armutsquote
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Werner G. : “ … Es handelt sich um eine reine Neiddebatte. …“ (Kommentar zu: https://www.welt.de/debatte/kommentare/article170381454/Es-ist-gut-dass-es-Steueroasen-gibt.html)
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“ … Redecker führt den Begriff „Phantombesitz“ ein. Demnach seien wir in kapitalistischen Gesellschaften trainiert, alles wie Besitz zu behandeln – nicht nur das materielle Eigentum, sondern erworbenen Status, unsere Gefühle, den Respekt, von dem wir meinen, dass er uns zusteht. Und auch die Ansprüche, die wir vermeintlich haben, und die anderen eben nicht zustehen, sind Teil dieser Definition. Kurzum: Unsere Gefühle kommen nicht aus dem Nichts, sondern aus der Wirtschaftsordnung, die uns umgibt. …“ | Aus: „Autoritäre Persönlichkeit und Faschismus: Antifa ist Kopfarbeit“ Robert Misik [Geboren 1966] (29.7.2026) | Quelle: https://taz.de/Autoritaere-Persoenlichkeit-und-Faschismus/!6199688/

nanymouso, 09:28 Uhr: “ … Es ist genau NICHT Kopfarbeit, sondern Herzensarbeit oder genauer emotionale Arbeit. Das Uneindeutige macht diesen Menschen nunmal mehr Angst als das eindeutig Schlechte. Den Blick vom möglichen Ungemach auf den möglichen Gewinn zu richten, ist Aufgabe jeder gesellschaftlichen Utopie …“

Reinero66, 13:48 Uhr: “ … Und wie passt da der Autoritarismus der kommunistischen Parteien hinein wie z. B. Stalin, Mao, Ho Chi Minh, Xi … [?] …“

Einschub #1 – Start –

“ … [Götz Aly im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann:] … Also, zum Führerprinzip will ich einmal Folgendes sagen. Wir haben Mao Zedong verehrt, wir haben Ho Chí Minh verehrt. Wir haben alle gejubelt über die Revolution in Kambodscha [Einschub: „Als Killing Fields werden etwas mehr als dreihundert Stätten in Kambodscha bezeichnet, an denen bei politisch motivierten Massenmorden Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Menschen durch die maoistisch-nationalistischen Roten Khmer umgebracht wurden. Der Massenmord der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung im Demokratischen Kampuchea wurde von 1975 bis 1979 begangen. Die Gesamtzahl der Opfer des Genozids in Kambodscha liegt nach aktuellen Schätzungen bei 1,7 bis 2,5 Millionen.“ –> https://de.wikipedia.org/wiki/Killing_Fields]. Wir wussten darüber nicht viel, aber wir fanden es ganz toll und wir haben Führungsfiguren wie Rudi Dutschke abgöttisch verehrt. Wir haben Führungsfiguren wie Daniel Cohn-Bendit abgöttisch verehrt. Es war eine Männerbewegung, also dass wir da so rein antiautoritär gewesen wären, ’67, ’68, ’69, ’70, das hat sich später dann erst langsam geändert. Das ist eine Lüge. Es hat überall diese klassischen Leitungsstrukturen gegeben und auch diese Bewegungen in Richtung Parteigründung und so weiter, egal, ob das jetzt Trotzkisten waren, ob das die Kommunistische Partei – Aufbauorganisation oder ML oder eine proletarische Linke war, die waren alle autoritär auch durchstrukturiert. Insofern ist auch da das alte Gift. Aber ich will noch einmal etwas sagen. Das Problem an der ’68er Generation in Deutschland ist auch das. Wenn ich meinen Vater nehme, der ist 1912 geboren und sein Vater kam 1918 als Artillerieoffizier völlig zerschlagen und ruiniert mit einer Niederlage zurück, Artillerieoffizier bei Verdun, das war keine angenehme Sache. Da werden sie nämlich auch dauernd beschossen. Und mein Vater sagt und seine fünf Geschwister, das war reiner Terror, als der zurückkam und in dieser ’68er Generation spiegeln sich sehr ungünstig beide Kriegsniederlagen und setzen sich in ihr auch in dieser Gewaltverherrlichung, auch in diesem Autoritarismus, auch in dem Revolutionarismus, den man schon 1932 sieht, fort, ohne dass das jeweils dasselbe ist, aber das muss man sehen als eine besondere deutsche Geschichte, und ich kann meine Altersgenossen nur auffordern, das auch an den eigenen Familien nachzuvollziehen und zu sehen, wie befangen sie sind. … [Dirk-Oliver Heckmann: Willi Winkler hat mal geschrieben: Die Studentenbewegung hat durch ihr verbales Liebäugeln mit der Gewalt die Saat für die „Rote Armee Fraktion“, die RAF, gelegt. Ist da was dran?] … Man kann nicht sagen, die ’68er Bewegung als solche hat das hervorgebracht, aber es gehört dazu. Wir haben uns nächtelang unterhalten über Gewalt gegen Sachen, Gewalt gegen Personen und wenn Gewalt gegen Personen, gegen welche Personen? Das spielte eine große Rolle. Und ich kenne ja auch Leute, die mit mir studiert haben, die 20 Jahre im Untergrund waren, an deren Resozialisation ich dann versucht habe, mitzuwirken. Ich fühle mich da auch in der Verantwortung. Ich war Mitglied der „Roten Hilfe“ eine Weile. Ich finde, man muss darüber reden, auch über den eigenen Blödsinn, die eigenen Fehltritte, um einigermaßen klar auch anderen sagen zu können, wie es dazu kam, auch andere davor warnen zu können, eindimensionalen Weltbildern anzuhängen. Und unsere Hauptgegner waren ja damals – und das ist in Deutschland eine zentrale Krankheit und verbindet auch die ’68er mit der NS-Bewegung – das waren die Liberalen. … “ | Aus: „50 Jahre 68er-Bewegung: „Verdienste der 68er sind deutlich kleiner, als es sich viele einbilden“ (13.05.2018) | Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/50-jahre-68er-bewegung-verdienste-der-68er-sind-deutlich-100.html | –> Götz Aly: https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Aly

“ … Aber wie roh redeten und dachten denn die CDU- und SPD-Mainstreamgrößen, ganz abgesehen von den höhnischen Springer-Zeitungen, für welche die Unterstellungen und Verleumdungen und das Niedermachen ein großes tägliches Vergnügen waren? „Bürger machen Sie die Strasse frei, damit die Polizei ihre Arbeit tun kann“ entblödete sich SPD-OB Schütz in Berlin nicht, seine Sonntags-Ansprache zu schließen, damit die „liebe[n] Berlinerinnen und Berliner“ nicht am Ku’damm spazieren gingen, wenn die Polizei wieder prügelnd unterwegs war. Und wenn es nach Helmut Schmidt gegangen wäre, hätte ganz 68 niemals stattfinden dürfen. Alles Baader-Meinhof und RAF? Die spätere CDU-Eisenfaust Wolfgang Schäuble forderte jahrelang ein Gesetz, dass die Bundeswehr „auch im Inneren der Bundesrepublik“ eingesetzt werden dürfte. Die Notstandsgesetze, im Mai 1968. Hatte nicht Berlin (das westliche, freie, von den Amerikanern gehaltene Berlin) mit den alliierten Vorbehaltsrechten schon etwas Derartiges? Aber die Berliner Polizei im Westen verprügelte uns Bildungsbürger-Söhnchen und Töchter trotzdem, junge Frauen und junge Männer gleicherweise, solche Jünglinge wie Knut Nevermann, Sohn des Hamburger Bürgermeisters, darunter. Wie harmlos wir waren, gutgläubig demokratisch und auf den Rechtsstaat vertrauend, zeigte auch eine späte Bemerkung der vormaligen Germanistik-Studentin Katharina Rutschky (sie schrieb in der alternative unter ihrem Geburtsnamen Kathrin Vier), dass „68“ dennoch auch ein enormer Spaß gewesen war. Oder Safranskis Bemerkung neulich, dass die 68er wenigstens frech waren und wenigstens eine Vorstellung von Gerechtigkeit hatten, und Moral und Zynismus unterscheiden konnten. Für uns wurde „die Freiheit Berlins“ jedenfalls n i c h t „auch in Vietnam“ verteidigt. … [Der Satz „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt“ stammt von dem ehemaligen Bundesverteidigungsminister Peter Struck, der ihn im Dezember 2002 äußerte. Er begründete damit den militärischen Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.] … “ | Aus: „Politisch ist auch das Private! – Subjektiver Rückblick auf ’68. Ein Brief in sechs Teilen“ Von Hartmut Rosshoff (Zürich, 6. April 2018) | Quelle: https://literaturkritik.de/public/artikel.php?art_id=1128&ausgabe=51

Einschub #1 – Ende –

EchteDemokratieWäreSoSchön 12:59 Uhr: “ … [Die Philosophin Eva von Redecker hat diese Spur unlängst wieder aufgenommen. In ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ wendet sie sich der Frage zu, warum Menschen in die Fänge der Rechten geraten und sich besser fühlen, wenn es anderen schlechter geht] … Das ist vermutlich alles richtig, dass es bestimmte Charakteristika gibt, die Menschen für rechtsextreme Positionen empfänglicher machen. Aber trotzdem ist das einen Schritt zu kurz gedacht. Denn warum hatten wir nicht schon vor 20 Jahren 30% für rechtsradikale Parteien? Weil diese Charakter-Eigenschaften erst dann verstärkt zum Vorschein kommen, wenn sich diese Personen ungerecht oder sonst wie schlecht behandelt fühlen. Und dass man 50-70% zunehmend schlecht behandelt, ist in unserer Demokratie und Wirtschaft eben in den letzten Jahrzehnten zunehmend der Fall. … Solange unsere Gesellschaft nicht wieder viel gerechter wird als sie im Augenblick ist, wird das Problem immer schlimmer und radikale Parteien […] werden immer mehr Zulauf bekommen. …“

“ … Viele Männer meinen, dass die Frauen ihnen (noch) gehören, und schlagen um sich. Viele meinen, dass das Land ihres sei, und bekämpfen alle, die von außen kommen. Ein Ausnahmezustand wird ausgerufen, um im Eigentumsrausch alles zerschlagen zu können, gerade auch das, was einem vermeintlich gehört, denn im Vernichtenkönnen beweist sich der Besitzanspruch. … “ | Aus: „Jenseits der frenetischen Verteidigung von Phantombesitz“ Ulrike Winkelmann (29.3.2026) | Quelle: https://taz.de/Ueber-Faschismus-reden/!6166167/
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“ … [[es geht um] eine »liquidierende Phantombesitzverteidigung«, die aus gekränkten Ansprüchen Feindbilder und Auslöschungsfantasien formt.] … Merle Groneweg: Warum bedarf es [ ] Projektionsfiguren? – Eva von Redecker: Um sowohl den eigenen Status als Eigentümer beschwören zu können als auch einen Ausnahmezustand, in dem einem ein Selbstverteidigungsrecht zustünde. Jean-Paul Sartre hat über die Funktion des Antisemitismus treffend formuliert: Weil »die Juden« den Franzosen angeblich Frankreich weggenommen hätten, könnten letztere sich erstmals wirklich als Besitzer eines Landes fühlen, einer imaginierten Nation. Die Ironie dabei ist freilich, dass ihnen das Land längst entzogen wurde: durch kapitalistische Landnahme und Pauperisierung [(Pauperisierung bezeichnet den Prozess der massenhaften Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, besonders in der Vor- und Frühindustrialisierung des 19. Jahrhunderts.)]. Doch die materielle Frage nach Grund und Boden – und damit nach den tatsächlichen Besitz- und Machtverhältnissen – kommt gar nicht erst in den Blick. »Den Franzosen« stünde »Frankreich« zu, nur gerade können sie ihren vermeintlichen Landesbesitz gar nicht genießen. Daran sind »die Anderen« schuld – erst wenn sie nicht da wären, könnte man den vermeintlichen Besitz richtig genießen. … Rechte Politik baut auf Projektionen auf und braucht sie, da sie keine andere Transformation – beispielsweise materielle Umverteilung – anbietet, um ein besseres Leben zu versprechen. Man braucht Feindbilder, um zu erklären, warum der versprochene Gewinn ausbleibt – und um sich zu versichern, dass der eigene Besitzanspruch nicht vielleicht inhärent hohl ist. In diesem verhärteten Raum, den man verbissen verteidigt – sei es die Nation oder die Familie –, stabilisiert man das Phantom, indem man eine angreifende Instanz erfindet. …“ | Aus: „»Unser Gegner verabschiedet sich von der Realität«“ (17. März 2026) | Quelle: https://www.akweb.de/gesellschaft/unser-gegner-verabschiedet-sich-von-der-realitaet-faschismus-harte-phantombesitz-faschisierung/
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Zur Archäologie der Seele (Anmerkung II): “ … Die Logik von Ware und Geld begräbt alles unter sich und dringt bis in die Hohlräume dessen vor, was man früher einmal „Seele“ genannt hat. Die Welt schickt sich an, eine vollständig nach kapitalistischen Prinzipien von Ware, Tausch und Geld integrierte Welt zu werden. Die Menschen werden Tauschmaschinen und funktionieren nach der Warenlogik. Die Entfremdung wird total, weil und insofern die meisten Menschen ihre Entfremdung als Zustand des Mit-sich-identisch-Seins empfinden. Das nannte der französische Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre „Entfremdung zweiten Grades“. Den Menschen kommt noch das Bewusstsein ihrer Entfremdung abhanden und sie erleben die Funktionsimperative des spätkapitalistischen Systems als ihre intimsten Leidenschaften. …“ | Aus: „124 | Reprivatisierung gesellschaftlichen Risiken“ Götz Eisenberg (15. Juli 2025) | Quelle: https://durchhalteprosa.de/2025/07/15/124-reprivatisierung-gesellschaftlichen-risiken/

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Beispiel: “ … Was man früher Sex-Appeal nannte, heißt unter Forschern heute erotisches Kapital. …“ | Aus: „Was die Macht des erotischen Kapitals bewirken kann“ Roland Mischke (10/2011) | Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/partnerschaft/article13676658/Was-die-Macht-des-erotischen-Kapitals-bewirken-kann.html
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“ … Indem wir uns in einer Sprache bewegen, bewegen wir uns immer auch in einem Netz von Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Gefühlsmustern. […] Man könnte statt von Mustern auch von Formen sprechen. Dann wird deutlicher, dass die Sprache unser Denken, Fühlen und Handeln formt. Wir glauben zu denken und werden gedacht. … [Wenn beispielsweise] ökonomische Prozesse sprachlich so dargestellt werden, als würden autonome Subjekte ein von den Bürgern völlig unabhängiges Eigenleben führen. Die folgenden Beispiele sind typisch für den Jargon der Börsenberichterstattung: Die Kurse haben sich erholt. Eine vorbörslich noch feste Tendenz konnte sich im späteren Börsenverlauf nicht durchsetzen. Die Börsenstimmung litt unter dem Anstieg des Dollars. Der Leitindex zehrte seinen Vortagesgewinn wieder auf. Der Ölpreis gab nach. … Menschen neigen dazu, die Manipulationswirkung von Werbung zu unterschätzen. …“ | Aus: „Prof. Dr. Helmut Ebert: Menschenbilder in der Wirtschaftssprache – Kampf um Köpfe: Verführer und Verführte: Menschenbilder in der Wirtschaftssprache und im öffentlichen Sprechen über die Wirtschaft“ Von Prof. Dr. Helmut Ebert (27. Oktober 2005)

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Nachtrag / Kontext #1:

[„Epistemische Gewalt. Die Idee zu diesem Heft entsprang einer lebhaften und in Teilen auch kontroversen Debatte während unserer Jahrestagung 2024. Daran anknüpfend, möchte das Heft Raum geben zum nachdenklichen Suchen, jenseits allzu sicher geglaubter Positionierungen, nach Ansätzen zur Hinterfragung der eigenen Wissensproduktion und dessen, was zu welchen Bedingungen als Wissen verstanden und anerkannt wird. Es geht um die Wahrnehmung des eigenen „kritischen Denkens“ als weiterhin verstrickt in Hegemonie, um die Reflexion „kritischer Debatten“ entlang der Frage, wer hier spricht und wer nicht, und es geht darum mutig genug zu sein, nicht nur beim Fragen stehen zu bleiben.Den eigenen Verstrickungen in Herrschaft auf den Grund zu gehen, begleitet das Projekt der Zeitschrift „Widersprüche“ schon sehr lange; dies nicht nur im Sinne einer Auseinandersetzung mit dem institutionalisierten Grundkonflikt Sozialer Arbeit von Hilfe und Herrschaft, sondern ganz gezielt mit Blick auf die Widersprüche in den Widersprüchen, also die eigene Verstrickung, der man letztendlich auch nicht entgeht, solange man unter Bedingungen gesellschaftlicher Herrschaft lebt, arbeitet und Wissen produziert.„]: … “ … Mein Einhakpunkt in die Auseinandersetzung mit epistemischer Gewalt ist die Wahrnehmung, Beobachtung und das – oft auch schmerzhafte – Erleben spezifischer Dynamiken in Binnenräumen der Kritik, in denen ich mich auch selbst bewege bzw. bewegt habe. […] „… Aus der feministischen Revolution habe ich gelernt, dass ein wirklicher Bruch mit dem dominierenden Symbolischen – also mit den schon bestehenden Bedeutungen, durch die wir die Welt als bereits interpretierte präsentiert bekommen – dadurch bewirkt wird, dass Menschen sich treffen und mit denen diskutieren, die auch Unbehagen und Fremdheit verspüren und daraus ein gemeinsames Denken entwickeln wollen, und dass dies unter persönlichem Einsatz geschieht.“ (Zamboni 2013: 9f.) …“ | Aus: „Susanne Maurer: Kritik als Stachel und ‘Messer im eigenen Fleisch’ – Nachdenken über Hegemoniales in Projekten der Gesellschafts- und Erkenntniskritik“ (Heft 178, 2025) | Quelle: https://www.widersprueche-zeitschrift.de/de/heft/epistemische-gewalt | https://www.widersprueche-zeitschrift.de/de/file/360/download?token=w399Js6k | https://www.dampfboot-verlag.de/de/buecher/epistemische-gewalt


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Nachtrag / Kontext #2:

“ … „Was mir heilig ist: Erst mal, ich würde diesen Begriff nicht benutzen, obwohl ich schon weiß, was damit gemeint ist. Also: heilig. Das ganze Leben hat sich ja theoretisch gedreht um die Erforschung von Gewalt, von Gewaltausübung, politische, persönliche Gewalt, faschistische Gewalt, dann untereinander. Und daraus hat sich so ein Satz gebildet, so wie es im Grundgesetz heißt oder bei den Menschenrechten: Die Würde des Menschen ist unantastbar, dass ich das übersetzen würde in, abstrakt, die Haut. Die Haut ist unantastbar, die Haut des anderen, der anderen ist zu respektieren. Der Nicht-Eingriff in den anderen Körper. …“ | Aus: „Was mir heilig ist: „Die Haut des anderen ist unantastbar““ Klaus Theweleit (22.12.2017) | https://www.deutschlandfunkkultur.de/was-mir-heilig-ist-die-haut-des-anderen-ist-unantastbar-100.html


“ … [Ob in Oslo, Paris oder Christchurch, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt oder in Halle: Die Täter bei terroristischen Anschlägen sind fast immer männlichen Geschlechts. Früh untersucht hat dies der Freiburger Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit [“Männerphantasien”]. … Gestützt auf historische Selbstzeugnisse von Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg analysiert Theweleit den zerstörerischen Charakter männlicher Gewalt und deren Ursachen. … [Thomas Gesterkamp]: Ein wichtiger Impuls für Ihre Arbeit war die einst nicht sehr weit reichende Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die Rolle der Wehrmacht, der ganz normalen Soldaten”, wurde kaum diskutiert. Sind die Psychogramme der deutschen Freikorps übertragbar auf das Militär allgemein? Hatten zum Beispiel auch die Angehörigen der amerikanischen Streitkräfte oder der Roten Armee Männerphantasien?“ – Theweleit: Etliche von ihnen, ja, sicher. Im Falle der US-Marines hat der Regisseur Stanley Kubrick das gezeigt mit dem Film Full Metal Jacket. Dessen erster Teil ist wie eine Verfilmung von Männerphantasien. …“ | Aus: „“Das Töten aus Lust hat nicht nachgelassen“ Klaus Theweleit im Gespräch mit Thomas Gesterkamp“ (2020) | Quelle: https://www.gwi-boell.de/de/2020/01/17/das-toeten-aus-lust-hat-nicht-nachgelassen-klaus-theweleit-im-gespraech | Klaus Theweleit (* 1942 in Ebenrode, Ostpreußen) ist ein deutscher Literaturwissenschaftler, Kulturtheoretiker und Schriftsteller. –> https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Theweleit

[La Piscine (1969) [Nachtrag I]… ]

Ein zweiter Blick auf La Piscine („Der Swimmingpool“) …

La Piscine (FRA/ITA, R: Jacques Deray, 1969) | Jean-Paul (Alain Delon) verstrickt sich am Pool einer südfranzösichen Villa an der Côte d’Azur mit Marianne (Romy Schneider), Pénélope (Jane Birkin) und Harry (Maurice Ronet) in eine tragische Mordgeschichte.

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“ … La Piscine mag wie eine einfache Geschichte über Begehren und Konflikte innerhalb einer Vierergruppe erscheinen, aber der Schein trügt. Auch die Amoralität des Films beunruhigte so manchen. Das galt insbesondere für die spanische Regierung unter Franco, die für den dortigen Kinostart eine zusätzliche Schlusseinstellung forderte, in der die Polizei eintrifft, um den Täter zu verhaften. … La Piscine zielte gleichermaßen darauf ab, die damalige Zeit einzufangen, tut dies jedoch über ein breiteres Altersspektrum hinweg – seine hermetische Welt ist das genaue Gegenteil von unschuldig. … “ | From: „LA PISCINE (1969)“ (2026) | Source: https://cinemareborn.com.au/La-Piscine

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Frage aus dem Off: In der französischen Fassung bleibt der Film moralisch ambivalent. Nachdem Jean-Paul zuletzt Marianne gestanden hat, dass er Harry im Pool ertränkt hat, bittet sie ihn zwar zu gehen, bleibt aber am Ende doch bei ihm. Der Film schließt mit einer Szene, in der beide zusammen durch das Fenster der Villa blicken. Jean-Paul entkommt rechtlich ungestraft dem Mord – ein ungelöster Kriminalfall. Und jetzt das interessante Detail: Das Franco-Regime tolerierte keine ungestraften Verbrechen im Kino. Für die spanische Fassung musste eine neue Schlusseinstellung gedreht werden. In dieser Einstellung sieht man die Polizei an der Villa vorfahren, um den Mörder zu verhaften. Dieselbe Einstellung wurde auch für die englischsprachige Exportversion genutzt.

Antwort aus dem Off: Ich sehe schon, Du kommst von deinem Thema nicht los.

Frage aus dem Off: Welchem Thema?

Antwort aus dem Off: Der Frage in wie weit uns bei einem Film Anspielungen oder Konnotationen entgangen sein könnten. Es lässt dich nicht los.

Frage aus dem Off: Der Film ist 57 Jahre alt (im Jahr 2026). Es geht für mich um Filme einer Zeit – also um eine Filmwelt, die langsam in Vergessenheit rutscht. Das Offensichtliche langweilt mich. Ich mag es nicht, wenn Klischees über Filme wiederholt werden. Es geht für mich um den Spielfilm als Kunstform, um das Kino in Europa. Ich denke das Jahr 1969 markiert gerade auch in Bezug auf Filme einen Wendepunkt. Es hat sich da etwas grundlegendes verändert, es hat sich geändert wie Filme gesehen wurden. Ich frage mich: Wie wurde La Piscine 1969 aufgenommen. Während Frankreich ganz real von Studentenprotesten, Straßenschlachten und Generalstreiks des „Mai 1968“ erschüttert wird, zeigt der Film La Piscine eine radikal isolierte, hermetische Welt des Luxus. Die Figuren flüchten aus der Realität. Der Pool als ein noch heute geläufiges Statussymbol, verwandelt sich im Laufe des Films in einen Ort der Eifersucht, in einen Ort des Dramas – und letztlich in einen Ort des Todes. Natürlich bin ich da neugierig!

Antwort aus dem Off: Nun gut, ich sehe in La Piscine einen Film aus der Hochzeit der sexuellen Befreiung. Es wird mit traditionellen bürgerlichen Werten gebrochen, indem Untreue, Begierde und das Vertuschen eines Mordes ohne Reue darstellt. Genau diese neue, „moderne“ Amoralität war es, die konservative Zensoren in autoritären Staaten wie Spanien auf den Plan rief.

Frage aus dem Off: Das meine ich nicht, aber zunächst zu etwas anderem: Lief der Film in Prag?

Antwort aus dem Off: Ja, der Film lief in Prag mit dem Titel: Bazén. Er wurde in der damaligen Tschechoslowakei – der CSSR – sowohl im Kino als auch im Fernsehen gezeigt. Aber ich weiß warum du fragst: Als La Piscine vom 19. August bis 19. Oktober 1968 in Südfrankreich gedreht wurde, marschierten am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Paktes in Prag ein, um den Prager Frühling gewaltsam niederzuschlagen [Prager Frühling –> https://de.wikipedia.org/wiki/Prager_Fr%C3%BChling]. Als der Film in die Kinos kam, war der Prager Frühling damit bereits beendet, und in der Tschechoslowakei hatte die Phase der sogenannten „Normalisierung“ – die Wiederherstellung der strengen kommunistischen Zensur und Linientreue – begonnen.

Frage aus dem Off: Wie wurde der Film von der zeitgenössischen tschechoslowakischen Presse besprochen?

Antwort aus dem Off: Die Besprechungen spalteten sich im Wesentlichen in zwei Argumentationslinien: Die Presse beschrieb die Protagonisten Marianne und Jean-Paul als Typen der „bourgeoisen Freizeitgesellschaft“. Ihr Alltag, der nur aus Sonnenbaden, Alkoholkonsum und Luxus besteht, wurde als moralisch bankrott und sinnentleert dargestellt. Der Swimmingpool wurde von tschechoslowakischen Rezensenten nicht als Traumkulisse, sondern als steriles Statussymbol des westlichen Kapitalismus interpretiert. Das darin stattfindende Verbrechen galt in der Presse als logische Konsequenz einer egoistischen, rein materialistischen Lebensweise. Aber trotz der ideologischen Einordnung in den Zeitungen gab es eine spürbare Diskrepanz zwischen der offiziellen Parteilinie und der Faszination für das französische Kino. Es geht hier um Brüche in der Wahrnehmung: Für das tschechoslowakische Publikum war der Film ein visuelles Fenster in eine unerreichbare Welt.
Aber zurück zu Presse: Subtilere Kritiker, die sich einen Rest künstlerischer Unabhängigkeit bewahren wollten, umschifften die Politik. Sie lobten in ihren Texten stattdessen das präzise, kammerspielartige Zusammenspiel der Darsteller und die handwerkliche Eleganz von Regisseur Jacques Deray, der die emotionale Spannung ohne billige Effekte meisterhaft aufbaute. Zusammenfassend lässt sich der Film hervorragend als „Kritik am moralischen Verfall des Westens“ vermarkten, während das Publikum genau diesen verbotenen, westlichen Glamour in den Kinosälen feierte.

Frage aus dem Off: Kino als Sehnsuchtsort?

Antwort aus dem Off: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings wurden die Grenzen der CSSR schrittweise wieder geschlossen. Das Reisen in den Westen war für die normale Bevölkerung unmöglich. Der Swimmingpool transportierte die Zuschauer direkt an die französische Riviera. Im sozialistischen Realismus hatte Kunst oft dem Allgemeinwohl, dem Staat oder der Arbeiterklasse zu dienen. Der Swimmingpool hingegen zelebrierte den radikalen Individualismus und eine hochgradig ästhetisierte Erotik. Die Figuren kümmerten sich nicht um Politik, Fabrikquoten oder Ideologie – sie kreisten ausschließlich um sich selbst, ihre Begierden und ihre psychologischen Konflikte.

Frage aus dem Off: Wie unterschied sich die Rezeption von „Der Swimmingpool“ in Westdeutschland und der DDR?

Antwort aus dem Off: Während die Rezeption im Westen von Klatsch und der Faszination für das Star-Duo dominiert wurde, diente der Film in der DDR als politisch-ideologisches Paradebeispiel. In der Bundesrepublik stand die rein filmische Qualität eher im Schatten, denn die westdeutsche Presse und das Publikum stürzten sich auf die reale Vorgeschichte der Hauptdarsteller. Romy Schneider und Alain Delon waren Jahre zuvor das europäische „Traumpaar“ gewesen, bis Delon die Verlobung löste. Dass sie nun – auf Delons persönliches Betreiben hin – wieder zusammen vor der Kamera standen und hochgradig erotische Szenen drehten, elektrisierte die Boulevardmedien. Die zeitgenössische westdeutsche Kritik bemerkte süffisant, dass Regisseur Jacques Deray die gemeinsame Vergangenheit seiner Stars „geradezu schamlos ausnutzt“, da der Zuschauer ohnehin genug über die beiden wisse und kaum neue Dialoge nötig seien. Und natürlich: Der Film wurde zu einem Kassenschlager.
In der DDR wurde der Film ebenfalls gezeigt, doch die staatlich gelenkte Filmkritik ging völlig anders an das Werk heran. Die DDR-Presse ignorierte den westlichen Starkult weitgehend. Stattdessen wurde der Film als soziologische Studie über den „moralischen Verfall“ und die „Dekadenz der westlichen Bourgeoisie“ präsentiert. Das luxusorientierte Leben der Figuren ohne feste Arbeit wurde als reines Zerrbild der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft gebrandmarkt. Und – wie in Prag – strömten die DDR-Bürger in die Kinos, da Filme mit Alain Delon und Romy Schneider seltene, heiß begehrte Gelegenheiten waren, dem DDR Alltag zu entfliehen um etwas vom westlichem Glamour und einer eleganten Freizügigkeit auf der Leinwand zu erleben. Das Kino als Sehnsuchtsort. Kino als Wunschmaschine.

Frage aus dem Off: Ist diese Ironie der Rezeption im Osten später aufgegriffen worden?

Die Stimme aus dem Off: Ja, je mehr die staatliche Presse betonte, wie „schrecklich, leer und dekadent“ das Leben im Westen sei, desto mehr sehnten sich die Zuschauer nach genau diesem Lebensgefühl. Das Kino konterkarierte ungewollt die staatliche Propaganda. In der medienwissenschaftlichen Aufarbeitung der DEFA- und DDR-Kinogeschichte – in Publikationen der DEFA-Stiftung – wird das Phänomen als Doppelbödigkeit oder schizophrene Rezeption beschrieben. Autoren arbeiteten heraus, dass DDR-Bürger eine bemerkenswerte Fähigkeit besaßen: Sie lasen die ideologische Kritik in den Zeitungen, blendeten sie im Kinosaal aber völlig aus. Die Nacktheit von Jane Birkin, die Freizügigkeit und die Luxusautos – wie der im Film gezeigte Maserati – mussten im sozialistischen Alltag wie Science-Fiction wirkten. Die Zensoren dachten, sie zeigen die „Hölle des Kapitalismus“, das Publikum sah jedoch das „Paradies der Konsumwelt“.

Frage aus dem Off: Die DDR Filmkritik politisierte und die Westdeutsche Filmkritik entpolitisierte?

Antwort aus dem Off: Das Phänomen, gesellschaftliche oder politische Dimensionen in Filmen zugunsten von Ästhetik, Moral oder Klatsch komplett auszublenden ist ein interessanter Aspekt. Anstatt den Film als Porträt einer gelangweilten, reichen Oberschicht im Umfeld des französischen Generalstreiks von 1968 zu analysieren, reduzierten die Kritiker das Werk fast ausschließlich auf die reale Liebesvergangenheit von Romy Schneider und Alain Delon. Die Ablenkung von unbequemen gesellschaftlichen Fragen, also das damit verbundene Bedienen von Voyeurismus, Klatsch und die Verbreitung von Sensationsjournalismus ist eine Strategie, die heute noch zieht. Zurück ins Jahr 1969: Wenn im Westen – abseits der Regenbogenpresse – ernsthaft über den Film geschrieben wurde, dann geschah dies meist durch kirchliche oder konservative Filmdienste – wie den „Evangelischen Filmbeobachter“ oder „Das Lexikon des internationalen Films“. Diese Kritiken bemängelten zwar ebenfalls die „Dekadenz“ der Figuren, taten dies aber auf einer rein privat-moralischen Ebene. Zum Beispiel als Warnung vor Untreue und Sittenverfall. Während die DDR-Kritik das System des Kapitalismus für den Mord im Pool verantwortlich machte, sah die westliche Kritik lediglich das „persönliche Versagen“ sündiger Individuen. Die gesellschaftlichen Ursachen für die Konflikte – man denke an die im Film geschilderte Musikvermarktung von Harry (Maurice Ronet), den Misserfolg von Jean-Paul (Alain Delon) als Autor – diese Fragen wurden komplett ausgeblendet. Aber das blieb nicht ewig so: Westdeutsche Filmemacher – wie Rainer Werner Fassbinder und Filmzeitschriften wie Filmkritik – warfen den etablierten Zeitungen vor, das Kino durch unpolitische Berichterstattung für dumm zu verkaufen. Sie forderten, dass Filme – und Kritiken – das Private als Politisches Feld begreifen müssen. Ein Film wie Der Swimmingpool hätte beispielsweise als Kritik am Besitzdenken besprochen werden können – und nicht nur als romantisches Drama am Luxuspool. Die Auflagenstarken Zeitungen – die Boulevard Medien – zeigten tatsächlich, wie die damalige BRD-Presse gesellschaftliche Spannungen lieber durch die Betonung auf Stars und Klatsch neutralisierte.

Frage aus dem Off: Ich frage mich oft: Ist das eine bewusste Strategie der Presse – oder steckt da eher eine unbewusste Psychologie hinter?

Antwort aus dem Off: Die Medienforschung zeigt, dass hier handfeste wirtschaftliche Interessen – die bewusste Strategie – und kollektive Verdrängungsmechanismen – die unbewusste Psychologie – der damaligen westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ineinandergriffen. Hinter der Fokussierung auf Stars und Klatsch steckte bei den auflagenstarken Verlagen – allen voran dem Axel-Springer-Verlag mit der Bild-Zeitung – eine sehr bewusste, ökonomische und politische Kalkulation. Im Kontext von 1968 und 1969 befand sich die Bundesrepublik in einer tiefen Krise – Studentenproteste, Notstandsgesetze, Aufbegehren gegen die Elterngeneration. Die konservative Verlegerpresse hatte ein großes Interesse daran, das Aufbegehren der Jugend zu delegitimieren. Indem man die Aufmerksamkeit auf den glamourösen Jetset lenkte, bot man der Bevölkerung bewusst ein journalistisches Opium zur Beruhigung an. Die Boulevardmedien haben die Entpolitisierung nicht im luftleeren Raum erfunden. Es war eine bewusste Strategie, die auf eine unbewusste psychologische Nachfrage traf. Die Verlage wussten recht genau, wie man Geld verdient und politische Fragen verdrängt oder verschiebt, indem sie den ohnehin vorhandenen Wunsch der Menschen nach Eskapismus, Harmonie und unpolitischer Unterhaltung bedienten.

Kontexte:

“ … Nach dem Kriegsende 1945 war die Filmbranche der erste Wirtschaftsbereich, der in der Tschechoslowakei verstaatlicht wurde. Bis in die 1990er Jahre hinein stand die gesamte Kinematografie unter staatlicher Kontrolle. Das Dekret zu den entsprechenden „Maßnahmen im Filmbereich“ unterzeichnete der damalige Präsident Edvard Beneš genau heute vor 75 Jahren, also am 11. August 1945. Die staatliche Kontrolle schrieb vor, dass Privatpersonen Filme weder drehen, noch im Ausland einkaufen und im Inland vertreiben durften. …“ | Aus: „Kinematografie der CSSR: Vor 75 Jahren wurde die Filmwirtschaft verstaatlicht“ (11.08.2020) | Quelle: https://deutsch.radio.cz/kinematografie-der-cssr-vor-75-jahren-wurde-die-filmwirtschaft-verstaatlicht-8688916

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“ … Während im Westen zahlreiche Produktionen entstanden, die eine Entlastungserzählung über den Zweiten Weltkrieg formulierten – etwa durch das Narrativ der „sauberen Wehrmacht“ –, zielten die DDR-Filme auf die „Entlarvung“ faschistischer Kontinuitäten in Westdeutschland und konstruierten ein antifaschistisches Selbstbild. Zensur und Steuerung der Produktion waren auf beiden Seiten politische Realität: Im Westen galten DEFA-Filme als „kommunistische Propaganda“ und unterlagen Restriktionen, während kritische Stimmen im Osten zunehmend marginalisiert wurden, wenn sie das offizielle Gesellschaftsbild in Frage stellten. … “ | Aus: „Der Kalte Krieg und der westdeutsche Film“ von GFS-Admin2021 (Veröffentlicht am April 6, 2025 · Aktualisiert Juni 15, 2026) | Quelle: https://filmundgeschichte.com/der-kalte-krieg-im-film

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“ … 1968 erschütterten die Mai-Unruhen Frankreich. François Truffaut hat bereits im Februar zu Demonstrationen gegen die Absetzung Henri Langlois’ als Chef der Cinémathèque française organisiert und widmet Langlois seinen gerade entstehenden Film Geraubte Küsse. Die Filmfestspiele von Cannes werden – auf Initiative Truffauts, Godards und Louis Malles – abgebrochen. Jean-Luc Godard arbeitet für Jahre nicht mehr im kommerziellen Filmbetrieb. Politische Filme wie Costa-Gavras’ Z feiern Erfolge. Chabrol setzt seine Vivisektion [schmerzhafte Versuche an lebenden Organismen] des Bürgertums (Die untreue Frau) fort und Truffaut untersucht die Möglichkeit bürgerlichen Eheglücks (Tisch und Bett). …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Franz%C3%B6sischer_Film (7. Juli 2026)

[Interieur #27 … ]


Charlotte E. Pauly im Atelier, Berlin-Friedrichshagen (Photographin: Helga Paris, 1973)


Charlotte Elfriede Pauly (* 6. Dezember 1886 in Stampen, unweit Oels, Schlesien; † 24. März 1981 in Berlin) war eine deutsche Malerin, Grafikerin, Zeichnerin und Schriftstellerin … 1933 nahm sie an einer Großausstellung in Breslau teil. Als Beginn der Diffamierungen durch die Nationalsozialisten wurde sie aus dem Künstlerbund ausgeschlossen und erhielt ein Ausstellungsverbot. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_E._Pauly

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Notiz: Helga Paris (* 21. Mai 1938 als Helga Steffens in Gollnow, Pommern; † 5. Februar 2024 in Berlin) war eine deutsche Fotografin, die durch ihre Alltagsfotografien in der DDR bekannt wurde | https://de.wikipedia.org/wiki/Helga_Paris — // — “ … Das Kunstmuseum Moritzburg Halle eröffnet am Freitag eine Ausstellung mit der berühmten Halle-Fotoserie von Helga Paris. „Häuser und Gesichter. Halle 1983–1985″ umfasst 101 Schwarz-Weiß-Fotos. Sie zeigen den damaligen Verfall und die Tristesse der Stadt. Vor 40 Jahren unterband die DDR-Staatsmacht eine Ausstellung der Bilder, erst 1990 wurden sie gezeigt. …“ | Aus: „Wie einst verbotene Fotos Halle berühmt machten“ Sandra Meyer (12.06.2026) | Quelle: https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/halle/halle/helga-paris-ausstellung-kunst-museum-moritzburg-,helga-paris-ausstellung-kultur-news-100.html

[Das Reale, Symbolische & Imaginäre #107]

https://mastodon.social/@loucyx/116930672545117547 (Lou Cyx, Juli 2026, 18:47): “ … Looks like the UK has the best activism campaign against Meta Glasses. …“ — //– Kontext #1 „They Live“ (1988): –> https://de.wikipedia.org/wiki/Sie_leben :: [“ … In einem Verschlag findet [John Nada] einen Karton, gefüllt mit Sonnenbrillen, denen er zunächst keine Bedeutung beimisst. Dennoch versteckt er sie und nimmt eine davon an sich. Als er sie aufsetzt, ist Nada erstaunt, denn durch die Sonnenbrille kann er keine Farben mehr sehen und die Gläser erzeugen nach dem Absetzen kurzzeitig starke Kopfschmerzen. Noch verwirrter wird er, als er mit der Brille durch die Innenstadt geht – Werbeplakate und Zeitschriften zeigen nur noch Befehle wie „Gehorche!“, „Konsumiere!“, „Schlafe weiter!“, „Heirate und pflanze dich fort!“ oder „Sieh fern!“. Auf allen Geldscheinen steht „Dies ist dein Gott!“ … // … „Sie leben“ [„They Live“ (1988)] ist einer der dunkelsten Filme John Carpenters und hat bis heute nichts von seiner bitteren Ironie eingebüßt. …“ // Literatur: Frank Schnelle: Suspense, Schock, Terror. John Carpenter und seine Filme. Verlag Robert Fischer, Stuttgart 1991, ISBN 3-924098-04-2 … ]

[Der abwesende Blick #16 … ]

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„… Hitchcock zeigt sich hier als ein Meister luzider Sachlichkeit, fast unberührt von dem, was seine Figuren erleiden. … “ | Zu: The Wrong Man (1956) | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_falsche_Mann

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Sprecher aus dem Off: Ich war erstaunt über die rauen ungeschönten Kamerabilder aus einem New York der 50er Jahre. Es gab auch sogar eine Vorwegnahme: Das Schiff am Ende der Straße – wie bei Marnie!

Antwort aus dem Off: Ja das harte Schwarz-Weiß-Bild verzichtet auf weichgezeichnete Gesichter. Burks filmte in den realen Straßen New Yorks. Echten Gefängniszellen. Echte Gerichtssäle. Und ja, während das Schiff in Marnie (1964) weltberühmt wurde – hat Hitchcock diese exakte Bildkomposition tatsächlich schon acht Jahre zuvor in Der falsche Mann (1956) eingesetzt.


Frage aus dem Off: Das Motiv des riesigen Schiffes, das am Ende einer scheinbar normalen Wohnstraße aufragt, fasziniert – warum?

Antwort aus dem Off: Eine Straße symbolisiert im Film normalerweise Bewegung, Freiheit und Zukunft. Setzt man jedoch eine gigantische, unbewegliche Stahlwand an ihr Ende, wird diese Freiheit bedroht und blockiert. Für den Zuschauer entsteht das Gefühl der Beklemmung. Manny in Der falsche Mann (1956) oder Marnie in Marnie (1963) können nicht weiter, sie sitzen in einer Falle. Egal welchen Weg sie wählen – am Ende wartet eine unüberwindbare Barriere. Hitchcock liebte es, das Bedrohliche in das alltägliche, bürgerliche Leben einbrechen zu lassen. In Marnie blockiert das Schiff sprichwörtlich den Horizont und das Tageslicht des Viertels. Es ist eine unterschwellig sichtbar gewordene psychologische Blockade, die sich nicht einfach wegschieben lässt. In Der falsche Mann deutet das Schiff am Tag der Verhaftung auf das plötzliche, brutale Ende der Normalität hin. Ein riesiges Hochseeschiff gehört in den Hafen, nicht direkt neben die Vorgärten von Wohnhäusern. Ich denke durch diese visuelle Verschiebung erzeugte Hitchcock eine Emotion des leisen Unbebehagens.

“ … As to the ship, after serving in World War II, it was decommissioned by the Navy in 1946 and sold into merchant service, where its name was changed from USS Duplin to SS Kathryn and it worked out of the piers seen in this film. After being bought and sold several times throughout the 1960s (as well as being renamed at least two more times), the ship was finally scrapped in January of 1971. …“

From: „NYC in Film: Finding movie locations in the Big Apple“ | https://nycinfilm.com/2018/08/09/the-wrong-man-1956/

[Das Reale, Symbolische & Imaginäre #106]

Wir erleben, was Freud und Lacan den „Wahn als Heilungsversuch“ nennen. Der Wahn ist bei Lacan nicht die Krankheit selbst, sondern der verzweifelte Versuch des psychotischen Subjekts, die zusammengebrochene Welt mit den Mitteln des Imaginären neu aufzubauen und das Loch im Symbolischen abzudichten. Der Wahn ist in der lacanschen Lesart das Flickwerk, mit dem sich der Psychotiker eine eigene, tragfähige Ersatz-Ordnung baut, um nicht im nackten, traumatischen Realen zu ertrinken. … [Stimme aus dem Off, 2026]


Fortunato (Vincent Price) und Annabel Herringbone (Joyce Jameson) und der Kopf
von Montresor (Peter Lorre)

Kontext –> Tales of Terror (Episode: „Die schwarze Katze“ – sie basiert auf „Die schwarze Katze“ und „Das Fass Amontillado“ von E. A. Poe) // (USA, R: Roger Corman, 1962) | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_grauenvolle_Mr._X | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_schwarze_Kater | https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Fass_Amontillado

Frage aus dem Off: Gestern Nacht, als ich Tales of Terror sah, da stutze ich bei der Szene in der Peter Lorres abgetrennter Kopf eine Rolle spielte. Ich musste lachen und wusste nicht warum. Was hat es mit dem Kopf auf sich?

Stimme aus dem Off: Montresor (Peter Lorre) verliert durch seine Sucht, durch Rausch, durch Eifersucht seinen klaren Kopf. Unter Alkoholeinfluss imaginiert er seine Frau und ihren Liebhaber im Keller seines Hauses. Montresor wird somit Zeuge seiner eigenen physische Zerstückelung. Fortunato (Vincent Price) und Annabel Herringbone (Joyce Jameson) werfen sich neckisch und lachend den abgetrennten Kopf von Montresor zu. Nach Lacan ist „Das Reale“ immer etwas Unfassbares, Unsagbares, nicht Kontrollierbares, eine Art von Horror oder Verletzung. Durch das gegenseitige Zuwerfen von Lorres Kopf zeigt das fremdgehende Paar den Ehebruch als Spiel, als Spaß. Die Szene balanciert auf der Grenze von Umheimlichkeit und Humor. Das Körperteil verliert seine menschliche Würde und wird zum bloßen Objekt. Nach Freud wäre der Vorgang vielleicht der Triumph des „Es“ über das „Über-Ich“. Der Kopf als moralische Instanz, das kontrollierende Auge wird als Spielzeug benutzt. Der Tod und somit auch die physische Zerstückelung gehören hingegen zum „Realen“ – jenem Bereich, der sich nach Lacan der Sprache entzieht.

Frage aus dem Off: Ich würde das spätere Einmauern des Liebespaares im Keller als offensichtliches Bild für Verdrängung deuten – Hat Montresor (Peter Lorre) ein Problem mit seinem „Es“?

Stimme aus dem Off: Nunja, es ist ein deutliches Bild: Montresor versucht, die Realität wegzusperren. Ja, das Einmauern des Liebespaares im Keller ist ein offensichtliches Symbol für Verdrängung – im Freud’schen Sinne geht es um Repression. Wenn wir uns jedoch Montresors Psychodynamik genau ansehen, zeigt sich ein faszinierendes Paradoxon: Er hat kein Problem mit seinem „Es“ – sondern er hat seinem „Es“ die absolute Herrschaft überlassen, um sein tief gekränktes „Ich“ zu retten.
In der Psychoanalyse wird das Haus oft als Metapher für die menschliche Psyche verwendet: Die oberen Etagen und das Wohnzimmer sind das „Ich“ – das Bewusstsein, die Fassade nach außen. Der düstere, feuchte Keller hingegen ist das „Es“ – der Ort, an dem die dunklen Triebe, verbotenen Wünsche und traumatischen Erinnerungen hausen. Montresors Frau und Fortunato haben miteinander geschlafen, haben ihn gedemütigt. Sein Selbstwertgefühl ist zerstört. Anstatt die Situation rational durch eine „Ich-Leistung“ zu lösen, übernimmt das „Es“ das Kommando. Das „Es“ kennt keine Moral, keine Logik und keine Zeit – es fordert sofortige, brutale Triebbefriedigung – hier sehen wir den Destruktionstrieb – den Todestrieb Thanatos – bei der Arbeit. Der Mord Montresors am Liebespaar ist ein ungefilterter Ausbruch von Thanatosenergie. Freud betonte nicht zu Unrecht, dass das Verdrängte die Tendenz hat, wieder an die Oberfläche zu kommen. Es geht dann später um „Die Wiederkehr des Verdrängten“ – und genau das passiert im Film – durch die versehentlich mit eingemauerten Katze! Die Katze fungiert in dieser Filmepisode als das externe Gewissen, das er ebenfalls versucht hat, im Keller zu begraben. Das Unbewusste lässt sich nicht dauerhaft einmauern. Je tiefer jemand ein Trauma oder eine Schuld vergräbt, desto lauter und unheimlicher schreit es am Ende – wie hier die Katze – heraus.

Frage aus dem Off: Was genau ist mit Montresor passiert?

Stimme aus dem Off: Annabel Herringbone (Joyce Jameson) und Fortunato (Vincent Price) haben als Liebespaar die symbolische Ordnung von Montresor (Peter Lorre) zerstört. Sie haben die Ehe – ein symbolischer Vertrag – verletzt und Montresor seiner Rolle als Ehemann beraubt. Dazu kommt: Ein Kernkonzept Lacans ist der „Blick“, der nicht das physische Sehen meint, sondern der darauf abzielt wie wir von der Welt und den Anderen wahrgenommen und bewertet werden. In der besprochenen Szene haben die Liebenden den Kopf von Peter Lorre hin- und hergeworfen und ihn ausgelacht. Sie besaßen die Macht des Blicks. Sie machten ihn zum Objekt. Durch das Einmauern entzieht Montresor sich ihrem Blick endgültig. Er sperrt sie in die absolute Dunkelheit des Kellers, wo die Liebenden nun hilflos gefangen sind. Gleichzeitig weiß er, dass sie hinter der Wand im Dunkeln verfaulen. Sie sind nun dazu verdammt, für immer in diese Dunkelheit zu starren. Er hat den Blick kontrolliert und das Paar dadurch machtlos gemacht.

Frage aus dem Off: Noch mal zurück zur schwarzen Katze – Ich hatte sofort eine Assoziation. Ich Dachte an die Katze in „Der dritte Mann“ [Carol Reed aus dem Jahr 1949 –> https://de.wikipedia.org/wiki/Der_dritte_Mann]. Was gibt es bei der der schwarzen Katze zu entdecken?

Stimme aus dem Off: Dabei ist die Katze in „Der dritte Mann“ gar keine schwarze Katze. Aber der Gedanke die zwei sehr unterschiedlichen Filme zu verknüpfen ist nicht durchweg abwegig. Die Katze erfüllt in beiden Filmen eine fast identische Funktion: Sie ist die unbestechliche Detektivin des Unbewussten. Spinnen wir den Gedanken weiter, denn es gibt eine Verbindung zwischen dem Keller von Montresor und der Wiener Kanalisation eines Harry Limes. Es ist eine psychologische Perspektivachse. Carol Reed filmt in „Der dritte Mann“ die Ruinen und Kanalisation Wiens in extrem schiefen Winkeln. Sie zeigen eine Welt, die moralisch „aus den Fugen“ geraten ist. Roger Corman nutzt in seinen Poe-Verfilmungen exakt dieselbe Technik, um Montresors (Peter Lorres) alkoholisierten Wahn und seine Desorientierung einzufangen. Ich denke wir dürfen mutmaßen: Die eingemauerte schwarze Katze repräsentiert das „Reale“ – jenen Teil der Wirklichkeit, der sich nicht kontrollieren, nicht symbolisieren und nicht einmauern lässt. Montresor dachte, er hätte eine perfekte, saubere Mauer im Feld des Symbolischen errichtet. Doch das Schreien der Katze bricht durch die Wand. Es zeigt: Das Reale kehrt immer zurück und zertrümmert die Illusion der totalen Kontrolle. Sowohl Harry Lime als auch Montresor dachten, sie seien die Kontrolleure des Blicks. Und es gibt noch eine Parallele: Lime versteckt sich in der Untergrundkanalisation von Wien und Montresor will im Keller etwas verstecken. Die Katze bricht jeweils in diese symbolische Ordnung ein. Sie „spricht“ nicht, aber ihr Verhalten lenkt den Blick der Außenwelt. Sie zwingt das Verborgene ans Licht.

Eine Katze an Harrys glänzendem Schuh.

Frage aus dem Off: Für mich war die Katze in den beiden Filmen ein Symbol, oder ein Hinweis auf die Intelligenz der Erotik, die unverfügbare Gewalt der Lust.

Stimme aus dem Off: Ich wusste, dass jetzt kommen würde (die Stimme aus dem Off lacht). Das ist ein anderer Aspekt. Aber es stimmt, die Katze agiert in beiden Filmen als das bindende Glied, das die Geheimgänge des Unbewussten kennt. Sie bewegt sich mühelos zwischen Licht und Schatten, zwischen Leben und Tod – und sie weiß intuitiv, wo die Leidenschaft – oder das Verbrechen aus Leidenschaft – verborgen liegt. Indem sie sich in der Nacht an Harry Limes Beine schmiegt oder aus der Wand von Montresors Keller schreit, macht sie eine unsichtbare, erotische Spannung im Raum physisch greifbar. Und ja, damit geht es auch um die unverfügbare Kraft der Erotik. Es geht in beiden Filmen tatsächlich um damals gesellschaftlich verbotene Lust. Das Schreien der Katze hinter der Wand. Das Umspielen von Harry Limes Schuhe. Das offensichtliche ablehnende Verhalten der Katze gegenüber dem „nicht begehrten Mann“ – wie es bei Anna Schmidts Katze und Holly Martins in „Der dritte Mann“ der Fall ist – und eben auch gerade in der Schlussszene von The Third Man seinen Ausdruck findet, wenn Anna Schmidt kalt an Holly Martins vorbeiläuft – all das hat zu tun mit einem ungezähmtem Aufbegehren der erotischen – und auch destruktiven – Triebe, die sich nicht lebendig begraben lassen.

The Third Man (1949): Anna Schmidt (Alida Valli) würdigt
Holly Martins (Joseph Cotten) keines Blickes.

[Melancholie und Geschichtsschreibung #2 … ]

… Journalisten reduzierten den Film oft auf die maritime Romantik und die Strahlkraft des Hauptdarstellers. Typische Kritiken … lasen sich wie folgt: „Hans Albers in seiner absoluten Paraderolle als singender, rauhbeiniger Seemann mit dem Herz am rechten Fleck – ein zeitloser Geniestreich voller hanseatischem Charme.“ Die subtile Trauer und die düstere politische Entstehungszeit traten in der Berichterstattung in den Hintergrund. …

Hans Söhnker (als Georg Wilhelm Scholz) in „Große Freiheit Nr. 7“ (Helmut Käutner, 1944)

“ … Die Akteure – betrunken, rauchend, sich prügelnd, mit außerehelichen Liebesverhältnissen – entsprachen nicht dem offiziellen Idealbild von deutschen Frauen und Seeleuten. Goebbels hatte zuvor schon durchgesetzt, dass die Hauptfigur „Hannes“ und nicht „Johnny“ heißen soll. Er fand auch, der Film sei zu schwermütig, unterstrichen durch die Musik, wie Beim ersten Mal, da tut’s noch weh, oder könne gar politische Anspielungen enthalten, wie in La Paloma die Worte „… Einmal muss es vorbei sein“. Großadmiral Karl Dönitz empfand den Film sogar als „wehrkraftzersetzend“. …“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Freiheit_Nr._7 (2 Juli 2026) | https://web.archive.org/web/20160719201833/http://www.freddy-albers.de/grosse-freiheit-nr-7

“ … [Zu Große Freiheit Nr. 7 (Helmut Käutner, 1944)] … „Alter deutscher Farbfilm (…) Nicht wegen der realistischen Milieuschilderung, sondern im Hinblick auf seine sittliche Indifferenz (voreheliche Hingabe) wird vom Besuch abgeraten. (Die frühere Klassifikation 4 [„Der Film wird abgelehnt“] konnte durch nachträgliche Schnitte gemildert werden.) (Klassifikation 3 [„Vom Besuch wird abgeraten“]) … “ – Aus: „6000 Filme. Kritische Notizen aus den Kinojahren 1945 bis 1958. Handbuch V der katholischen Filmkritik, Verlag Haus Altenberg, Düsseldorf 1963, S. 169.“ | Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fe_Freiheit_Nr._7

Hans Albers (als Hannes Kröger) und Ilse Werner (als Gisa Häuptlein)

( … Und wieder die Fragen aus dem Off. Da der Fragesteller unsichtbar bleibt, wirkt die Situation für die Leser vielleicht wie ein privates Selbstgespräch oder ein Geständnis. …)

Frage aus dem Off: Wir sehen gespeicherte Zeit. Wie genau änderte sich der Blick über die Jahre auf den Film?

Stimme aus dem Off: Im Jahr 1943-1944 finanzierte das Propagandaministerium den Film, um zu unterhalten, um vom Alltag im Krieg abzulenken. Regisseur Helmut Käutner schuf jedoch ein schwermütiges Drama mit einem Antihelden. Der Film wurde wegen „Verunglimpfung des deutschen Seemanns“ verboten. Dass die Premiere von „Große Freiheit Nr. 7“ am 15. Dezember 1944 im besetzten Prag (im damaligen „Protektorat Böhmen und Mähren“) stattfand – und nicht in Berlin oder der eigentlichen Kulissenheimat Hamburg, hatte politische, zensurtechnische und logistische Gründe. Nach der Fertigstellung des Films Ende 1944 war Propagandaminister Joseph Goebbels über das Ergebnis tief verärgert. Der Film war melancholisch. Das Verbot von Goebbels bezog sich explizit auf das Inland, um die deutsche Bevölkerung im totalen Krieg nicht zu „demoralisieren“. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs erwartete die NS-Führung heroische Durchhaltefilme – wie Kolberg. Großadmiral Karl Dönitz und Propagandaminister Joseph Goebbels intervenierten persönlich. Das Urteil: Der Film zeichne ein zutiefst „undeutsches“, bürgerlich-dekadentes und defätistisches Bild. Die Zensoren monierten, der deutsche Seemann werde hier als „Trinker, Amüsierfritze und raufendes Subjekt“ dargestellt, das sich im Rotlichtmilieu herumtreibe. Legendär ist die behördliche Begründung für das Reichsverbot: „Deutsche Seeleute betrinken sich nicht und weinen nicht um Frauen – sie kämpfen für das Vaterland.“

Frage aus dem Off: Kommen wir zur Nachkriegszeit!

Stimme aus dem Off: Die Alliierten gaben den dann als unverdächtig geltenden Film frei. Die Presse feierte ihn als Sehnsuchtsort, der das zerstörte Hamburg auf der Leinwand konservierte. Hans Albers wurde endgültig zur Identifikationsfigur. Die Presse feierte den Film als poetisches, zutiefst menschliches Meisterwerk abseits von Ideologie. Der Film wurde als „politisch völlig unbedenklich“ und „künstlerisch wertvoll“ eingestuft, da er im Gegensatz zu den UFA-Propagandawerken ein rein privates Schicksal ohne jegliche NS-Ideologie zeige. Während die Kulturkritik schwärmte, gab es vonseiten der kirchlichen Filmdienste moralische Rügen. Sie beurteilten die Handlung als „sittlich bedenklich“, da das dargestellte Milieu aus Prostitution, Alkohol und unehelichen Beziehungen der Jugend kein gutes Vorbild liefere. In den Jahrzehnten des Wirtschaftswunders wandelte sich der Blick hin zu einer unpolitischen Verklärung. Der Film wurde im Fernsehen der Bundesrepublik und der DDR zum Dauerbrenner. Das prägende Urteil: Der Film wurde zum Prototyp des „Kulturguts“ erhoben. Journalisten reduzierten den Film oft auf die maritime Romantik und die Strahlkraft des Hauptdarstellers. Typische Kritiken aus dieser Ära lasen sich wie folgt: „Hans Albers in seiner absoluten Paraderolle als singender, rauhbeiniger Seemann mit dem Herz am rechten Fleck – ein zeitloser Geniestreich voller hanseatischem Charme.“ Die subtile Trauer und die düstere politische Entstehungszeit traten in der Berichterstattung in den Hintergrund.

Frage aus dem Off: Und heute – im Jahr 2026?

Stimme aus dem Off: Mit zeitlichem Abstand blickt die moderne Filmwissenschaft neu auf das Werk. Das prägende Urteil: Der Film wird heute als „subversives Meisterwerk des verdeckten Widerstands“ und als „Demontage des Helden“ analysiert. „Trotz aller Dichte der Darstellung ist die Art von Albers […] die Demontage der Helden – und das 1943! […] Aus dem rauhen Seemann wird ein Leidender.“

Frage aus dem Off: Was bleibt?

Stimme aus dem Off: Im kollektiven Gedächtnis und in der Retrospektive änderte sich der Blick hin zu einer Würdigung der filmischer Ästhetik. Historiker und Feuilletons betrachten den Film heute als faszinierenden Balanceakt zwischen NS-Ästhetik und subversiver Freiheit. Ein moderner Blick würde die Liebesgeschichte zwischen Hannes und Gisa – gespielt von Ilse Werner – vielleicht viel kritischer beleuchten: Heute würde man die Dynamik von Macht, Alter, Abhängigkeit und das Konzept von „Gaslighting“ oder Besitzansprüchen in dieser Beziehung viel schärfer analysieren als 1944. Während man den Film früher oft nur als nostalgischen Musik- und Heimatfilm oder als Albers-Klassiker sah, würde eine heutige Analyse den Film vielleicht als komplexes, psychologisches Drama und als Meisterwerk des filmischen Widerstands durch Ästhetik begreifen.

Frage aus dem Off: Hat sich Helmut Käutner in der Retrospektive zu seinem Film geäußert?

Antwort aus dem Off: Helmut Käutner hat sich in der Retrospektive – vor allem in Interviews und Rückblicken der Nachkriegsjahrzehnte geäußert. Dabei wehrte er sich dagegen, als politischer Widerstandskämpfer verklärt zu werden, offenbarte aber rückblickend, dass er das Prinzip der Tarnung perfektionieren musste. Käutner erklärte damit seine Strategie: Die bewusste Verweigerung jeglicher NS-Symbolik oder Durchhalteparolen in „Große Freiheit Nr. 7“ war für ihn ein Akt der passiven Sabotage. Er nutzte das Geld des Propagandaministeriums, um eine rein private, zutiefst melancholische Welt zu erschaffen, die der verordneten NS-Ideologie der „harten, siegreichen Männer“ diametral widersprach.

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Kontext #1:

“ … Das Gesetz zur Vorführung ausländischer Filmstreifen vom 23. Juni 1936 gab dem NS-Propagandaministerium die alleinige Entscheidungsbefugnis über die Vorführungszulassung. Deutsche Revue-, Musical- und Spielfilme mussten nach der Einführungsbeschränkung auch den Mangel an ausländischen, vor allem amerikanischen Filmen ausgleichen. Ab 1937 stand die Filmindustrie gänzlich unter staatlicher Kontrolle. Die Produktion von Unterhaltungsware wurde von der NS-Führung zu einem Staatsziel erklärt. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Film

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Kontext #2:

“ … Mit einem sehr geschulten Auge für die Lebensläufe der einzelnen Akteure im Nationalsozialismus zeigt die Autorin, wie sehr die einflussreichen Männer der jungen Bundesrepublik in ihrer Sprache und Mentalität noch mit der NS-Zeit verwoben waren. So wünschten sich nicht wenige Minister, Kardinäle, Mediziner, Kriminalbeamte und Soziologen „Jugendschutzlager“ (S. 41), redeten von moralischen „Zersetzungserscheinungen“ und „Entartung“ (S. 292), forderten eine „Volkszensur“ (S. 121) gegen das „amerikanische Idol der Pressefreiheit“ (S. 57) und schwadronierten im Zuge der Entrüstung über die Kinsey-Studie von „Entgeistigung, Entmenschlichung, Verflachung, Vernichtung, Chaos“ (S. 191). Steinbacher sieht darin in erster Linie einen seit dem Kaiserreich tobenden Abwehrkampf konservativer Kräfte gegen „die Moderne“. … “ | Aus: Massimo Perinelli, Rezension zu: Steinbacher, Sybille: Wie der Sex nach Deutschland kam. Der Kampf um Sittlichkeit und Anstand in der frühen Bundesrepublik. München 2011 , ISBN 978-3-88680-977-6 , in: H-Soz-Kult (05.08.2011) | Quelle: https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-15530

[Journalismus #30 … ]

Dasselbe Muster läuft gerade weltweit: Sender, die zur Gefolgschaft werden, Wähler, die den lautesten Vereinfacher belohnen, ein Publikum, das die bequeme Lüge der unbequemen Wahrheit vorzieht. … Die Figuren wechseln. Der Mechanismus bleibt. … Es reicht, die Wahrheit für genauso käuflich zu halten wie alles andere. Dann ist jeder Lügner nur ehrlicher als die, die noch behaupten, es gebe Fakten. …

Bild: Marton Monus

Nihi Liana (08.07.2026): “ … [ … „In Ungarn haben von Viktor Orbán geprägte Sender nach dessen Abwahl den Sendebetrieb eingestellt. Statt des üblichen Programms wurde eine Entschuldigung gesendet.“ …] 16 Jahre täglicher Propaganda funktionieren nicht durch einen Mann allein. Orbán hat den Apparat gebaut, aber gesendet haben Redakteure, moderiert haben Sprecher, finanziert haben Geschäftsleute, geschaut und geglaubt haben Millionen. Jede Lüge brauchte jemanden, der sie schreibt, jemanden, der sie ausstrahlt, und viele, die sie hinnehmen. Genau das macht Machtkorruption so einfach: Sie braucht keine Überzeugungstäter, nur Mitmachende und Wegschauende. Der Satz auf dem Bildschirm, „wir haben jahrelang gelogen„, klingt nach Reue. In Wahrheit ist es dieselbe Belegschaft, die gestern noch lieferte und heute die Verantwortung an ein abstraktes Wir abschiebt. Niemand war es, alle waren es. Und das ist kein ungarisches Sonderproblem. Dasselbe Muster läuft gerade weltweit: Sender, die zur Gefolgschaft werden, Wähler, die den lautesten Vereinfacher belohnen, ein Publikum, das die bequeme Lüge der unbequemen Wahrheit vorzieht. Orbán fiel, weil eine Mehrheit sich abwandte. Er stieg auf, weil eine Mehrheit ihn trug. Die Figuren wechseln. Der Mechanismus bleibt. Er lebt von denen, die klatschen, und von denen, die schweigen. Wie seit vielen tausend Jahren. Wir tragen Wissen und Erkenntnisse der gesamten Menschheit in der Hosentasche spazieren, und doch… Für mich fällt das in den Komplex unserer intrinsischen Bereitschaft zur Korruption. Die beginnt und existiert immer im Kleinen und es liegt an uns allen ob wie wächst und zerstört. Zwang hat viele Spielarten. Die Lebensgrundlage zu riskieren ist sicher eine, die meisten Menschen haben Verantwortung für eine Familie. Courage und Gemeinsinn stehen da oft hintendran oder werden unterdrückt. … [Korruption] braucht keine Überzeugungstäter, nur ein Anreizsystem. Wer die Regierungsmeinung vertritt, bekommt Gehalt und Status, wer sie verweigert, räumt Regale ein. Bei dieser Wahl entscheiden sich die meisten für die Miete. … Es waren selten Fanatiker, die ein Unrechtssystem trugen, sondern Mitläufer mit Familie und Rechnungen. Hannah Arendt nannte das die Banalität des Bösen: keine Monster, sondern Menschen, die funktionieren, weil Funktionieren belohnt wird. … Deshalb ist die Entschuldigung eines ganzen Senders auch so wohlfeil. Das abstrakte Wir übernimmt Verantwortung, damit kein Einzelner es muss. Und deshalb reicht es nicht, die Figuren auszutauschen. Solange das System Anpassung belohnt und Integrität bestraft, steht der nächste Apparat schon bereit, mit neuem Personal, das exakt dasselbe tut. … Trump nennt jede unbequeme Berichterstattung „Fake News“, Vance verdreht Studien und Statistiken im Sekundentakt, Putin lässt „ausländische Agenten“ markieren, die AfD spricht vom „Lügenpresse“-Kartell. Vier Varianten, ein Mechanismus: die Quelle diskreditieren, damit die Botschaft nicht mehr zählt. Wer nicht mehr unterscheiden kann, was wahr ist, glaubt am Ende dem, der am lautesten und selbstsichersten auftritt (das wird dann gerne mit Autorität verwechselt, der man folgen will). Das ist keine Meinungsverschiedenheit über Inhalte, das ist ein Angriff auf die gemeinsame Grundlage, überhaupt noch über Inhalte streiten zu können. Hannah Arendt hat es beschrieben: Das ideale Subjekt totalitärer Herrschaft ist nicht der überzeugte Nazi, sondern der Mensch, für den der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht mehr existiert. … Es reicht, die Wahrheit für genauso käuflich zu halten wie alles andere. Dann ist jeder Lügner nur ehrlicher als die, die noch behaupten, es gebe Fakten. … “ | Kommentar zu „Sender entschuldigt sich für Lügen während Amtszeit von Viktor Orbán“ (8. Juli 2026) | Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-07/ungarn-rundfunksender-m1-kossuth-radio-viktor-orban-peter-magyar-gxe

Verhärtet: “ … Die haben gelogen? Wie ungeschickt! Das kann man doch inzwischen viel eleganter machen mit weglassen, kommentieren und Framen. …“

In Memory Of Helmut S.: “ … Leider gibt es ja immer wieder Menschen, die der Meinung sind, wenn die Berichterstattung nicht ihre favorisierte Partei hofiert oder sogar kritisiert, wären es Lügen. …“


Das sollte man nicht so verbissen sehen: “ … Interessant, dass unsere Regierung gerade jetzt vor hat, das Informationsfreiheitsgesetz zurück zu fahren. … Zuviel Wahrheit schadet nur? …“ // Kontext [ –> [„Journalistin scheitert: BND-Akten zu Adolf Eichmann bleiben geheim“ Jochen Zenthöfer (05.06.2026) – Eine Journalistin ist vor dem Bundesverwaltungsgericht mit dem Versuch gescheitert, BND-Akten aus dem Jahr 1960 einzusehen. Damals wurde der NS-Verbrecher Adolf Eichmann gefasst. Was beim BND los war, bleibt geheim | https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/gericht-eichmann-akten-des-bnd-bleiben-geheim-200901879.html | Kontext: Otto Adolf Eichmann (* 19. März 1906 in Solingen, Deutsches Reich; † 1. Juni 1962 in Ramla, Israel) war ein deutscher SS-Obersturmbannführer und NS-Verbrecher. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Eichmann] | Oder „Generalbundesanwalt will Akten nicht herausrücken“ André Zuschlag (4.5.2026) | Quelle: https://taz.de/Hamburger-NSU-Forschungsgruppe/!6171730/ | Oder „Kritische Cum-Ex-Dokumente vorenthalten: „Wir haben Olaf Scholz – das ist nicht gut““ Carsten Janz (22.01.2024) | Quelle: https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_100321264/olaf-scholz-im-cum-ex-skandal-so-schuetzt-die-bundesregierung-den-kanzler.html | Oder „Ungewöhnlicher Vorgang im Bundestag: Scheuer lässt Maut-Akten als geheim einstufen“ (18.12.2019) | Quelle: https://www.tagesspiegel.de/politik/ungewoehnlicher-vorgang-im-bundestag-scheuer-laesst-maut-akten-als-geheim-einstufen/25346828.html | Oder „Verfassungsgericht in Karlsruhe: Regierung darf Rüstungsexporte geheim halten“ (21.10.2014) | Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/ruestungsexporte-regierung-darf-waffendeals-geheim-halten-a-998315.html | usw.]

Kontext #1:

https://de.wikipedia.org/wiki/Informationsfreiheitsgesetz

https://netzpolitik.org/2026/informationsfreiheit-schwarz-rot-plant-frontalangriff-auf-journalismus-und-transparenz/

Kontext #2:

“ … In gesellschaftlichen Fragen vertrat die Fidesz unter Orbán rechtskonservative Positionen. Er betonte dabei insbesondere die Rolle der christlichen Kirchen und der traditionellen Familie. Autoritarismus und Nationalismus sind in der Rhetorik und Politik von Fidesz stark verankert. … „[V]on den in Westeuropa akzeptierten Dogmen und Ideologien“ müsse sich Ungarn „lossagen“. Sieger im Wettlauf um die beste Staatsform seien, so Orbán, „Singapur, China, Indien, Russland, die Türkei“. Daher gebe er in seiner Arbeit, die „neue Organisationsform“ Ungarns „zu schmieden“, bei aller „Berücksichtigung“ der Menschenrechte und der Individuen etwas anderem den Vorrang: der Nation als „Gemeinschaft, die organisiert, gestärkt, ja sogar aufgebaut werden“ müsse. … Andreas Schedler und Petra Thorbrietz erklärten das System 2026 als Kleptokratie. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Orb%C3%A1n

Orbánismus (oder eingedeutscht: Orbanismus) bezeichnet die politische Ideologie von Viktor Orbán, dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten. Sie ist geprägt von Nationalismus, Nationalkonservatismus, gesellschaftspolitischem Konservatismus und Illiberalismus. … 2010 formulierte Orbán das Ziel, ein neues System zu schaffen, das eine breite nationale Einheit repräsentiert und die Interessen der Gemeinschaft berücksichtigt. Im Gegensatz dazu wurde Vetternwirtschaft zum dominierenden Faktor im System. … | https://de.wikipedia.org/wiki/Orb%C3%A1nismus

Kontext #3:

[ … Zum Spannungsfeld zwischen Nekropolitik und Journalismus. Es geht um das Dilemma, wie Medien über die systematische Ausübung staatlicher oder struktureller Macht – über Leben und Tod berichten. Durch rein bürokratische oder stark technokratische Sprache (z. B. „Flüchtlingsströme“, „Kollateralschäden“) verschleiert Journalismus manchmal die direkte, tödliche Konsequenz politischer Entscheidungen. So wird die strukturelle Gewalt für das Publikum quasi unsichtbar gemacht. Es geht zugleich um die Frage, ob bei der eigenen Berichterstattung permanent für unterschiedliche Krisen und Opfergruppen mit zweierlei Maß gemessen wird. Beispielsweise geht es dabei dann um die medial vermittelte Haltung, um das Legitimieren, wer bedeutsam ist, wer auf Mitgefühl hoffen darf – und wer dem Tod überlassen werden kann. …]

“ … Es braucht viel Selbstgefälligkeit, um von einem komfortablen Großstadt-Schreibtisch aus seinen Text so belehrend wie zynisch beginnen zu lassen mit den Worten: „Auch Lebensretter müssen sich Kritik gefallen lassen.“ Das ist der erste Satz eines „Zeit Online“-Artikels von Ulrich Ladurner [https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-06/sea-watch-3-seenotrettung-fluechtlinge-italien-kueste]. Es geht um die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete und den Rechtsbruch, den sie beging, als sie durch Anlegen an die italienische Küste 42 Menschen das Leben rettete. Der Satz suggeriert: Auch etwas unbestreitbar Richtiges zu tun, kann falsch sein. Das ist Skalpell-Journalismus, differenzieren um der Differenzierung Willen, pragmatisch, klinisch, ein Einstieg wie operiert in einem sterilen Raum ohne Moral. …“ | Aus: „Gegen die falsche Ausgewogenheit: Weniger Ob, mehr Wie wagen!“ Samira El Ouassil (Juli 2019) | Quelle: https://uebermedien.de/39633/gegen-die-falsche-ausgewogenheit-weniger-ob-mehr-wie-wagen/

Sauertöpfische Grundel sagt: 2. Juli 2019 um 9:01 Uhr “ … Ich warte in der FAZ oder Zeit noch auf Artikel wie: „Pro und Contra zu Noteinsätzen auf deutschen Straßen“, „Sollte man adipöse oder rauchende Menschen Nothilfe leisten?“, „Haben Mountainbiker ein Recht auf Bluttransfusionen?“, etc. Schließlich steht ja bei all diesen Beispielen die berechtigte Erwartung, dass man durch die Einschränkung der Nothilfe abschreckende Bilder schafft, die Menschen davon abhalten unnötig Auto zu fahren, zu fressen, zu rauchen oder sich bei unnötigem Extremsport in Gefahr zu bringen. Anyway: Noch unke ich, aber die Chancen stehen gar nicht so schlecht, dass wir in einigen Jahren über genau diese Dinge diskutieren werden. …“

“ … [René Martens kommentiert die Medienberichterstattung (08.07.2026)] … Jens Brodersen […] „Wir wissen doch, gerade in unserem hyperneoliberalen Zeitalter, das Einzige, was zählt, ist Wirtschaftsleistung und Geld (…) Wir müssen alles dem Wirtschaftswachstum unterordnen und dem Wachstum von Deutschland und so weiter. Das ist das Allerwichtigste (…) Normalerweise ist das immer das Argument, aber nie in der Klimakrise – (obwohl) der Wirtschaftsleistungsverlust in einer Hitzewelle (…) pro Tag 413 Millionen Euro (beträgt). 413 Millionen Euro Wirtschaftsleistungsverlust pro Hitzewellentag!“ … An anderer Stelle kritisiert Patrick Breitenbach die unausgesprochene Devise „Servicejournalismus statt Systemkritik“. Mit „Servicejournalismus“ sind in diesem Fall Tipps, wie man richtig lüftet, und Ähnliches gemeint. Breitenbach weiter: „Dadurch wird die Hitze wie so ein unabwendbares natürliches Schicksal behandelt und wieder, wie so oft, ins Private verlagert“, anstatt (…) sie als das zu benennen, was es halt ist“, nämlich Ausdruck „einer zutiefst strukturellen Systemkrise“. … Was [im Journalismus] fehle, sei „der systematische Blick auf die langfristigen Folgen …“ … Vor allem werde nicht berichtet, „dass wir mehr oder minder sehr stramm und stabil auf einen kompletten Kollaps der Gesellschaft hinzulaufen“ – und ausgeblendet, dass die „Grundursache“ dafür „die Art unseres Wirtschaftens seit mehreren Jahrzehnten“ sei, „nämlich diese fossile Industrie, die das Ganze erst verursacht hat“. … Breitenbach/Brodersen rekurrieren … daher auch auf den Begriff der „Nekropolitik“, den der Philosoph Achille Mbembe geprägt hat … : „Während Milliardäre von Freedom Cities, Mars-Kolonien und unsterblichen Genies träumen, sterben Kobalt-Arbeiter im Kongo, ertrinken Menschen im Mittelmeer und verarmen ganze Bevölkerungen systematisch. Das ist kein Versagen des Systems – das ist das System. Achille Mbembes Konzept der Nekropolitik liefert den analytischen Schlüssel: Souveränität definiert sich nicht durch Gesetze oder Grenzen, sondern durch die Macht zu entscheiden, wer lebenswert ist – und wer dem Tod überlassen werden darf.“ Auch die Nicht-Maßnahmen beim Klimaschutz und die am Beispiel der Hitzewelle beschriebenen Nicht-Reaktionen auf die Folgen der eigenen Tatenlosigkeit muss man als Teil einer Art Gesamtkonzept sehen.„Was ich bislang aus den Plänen der Regierung lese, ist ein pauschales Misstrauen gegenüber der Bevölkerung (…) Und eine Verachtung von dem, was als ‚Schwäche‘ wahrgenommen wird“, schreibt die freie Hörfunkjournalistin Nora Hespers [auf] Bluesky. Anlass des Posts ist ein Angriff auf in Armut lebende Kinder [https://www.tagesspiegel.de/politik/sparmassnahme-von-schwarz-rot-regierung-will-25-euro-zuschlag-fur-arme-kinder-streichen-15808263.html] und vor allem ein Angriff auf Psychotherapeuten und ihre Klienten. Der Verbund selbstständiger Psychotherapeut:innen [ist] alarmiert: „Am 5. Juli ist ein Änderungsantrag bekannt geworden, der psychotherapeutischen Praxen die wirtschaftliche Grundlage entziehen wird. Wenn CDU/CSU und SPD diesen Antrag am 10. Juli beschließen, bedeutet das nicht weniger als den Beginn der flächendeckenden Abschaffung psychotherapeutischer Praxen.“ … [„Arm sein wird bestraft. Kind sein wird bestraft. Alt sein wird bestraft. Alles, was nicht produktiv ist, wird unter den Generalverdacht der Leistungsunwilligkeit gestellt.“] … [gebrochen werden] „fundamentale Gesellschaftsverträge“, schreibt der Verband weiter, von einem Rückfall „in vorhumanistische Zeiten“ ist ebenfalls die Rede. …“ … [https://www.zeit.de/arbeit/2026-07/honorarkuerzung-psychotherapeuten-landessozialgericht-berlin-brandenburg-kbv] … Eine große Herausforderung für Journalisten besteht nun darin, mit einer Regierung umzugehen, die nicht einmal den geringsten Anschein erweckt, Politik für die Bürger zu machen. Was bisher aber fehlt, hat Georg Diez in seinem aktuellen Substack [https://georgdiez.substack.com/p/surrealismus-und-antifaschismus] in einem anderen Kontext formuliert: „die Form, der Wille, das Potential, sich dem entgegenzustellen, was sich als repressive Normalität formiert“. …“ | Aus: „Kolumne: Das Altpapier am 8. Juli 2026 – Augen zu vor dem Kollaps“ René Martens (08.07.2026) | Quelle: https://www.mdr.de/altpapier/das-altpapier-reaktionen-auf-hitzewelle-schaden-fuer-die-wirtschaft-100.html

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Hintergrundrauschen und Fragen aus dem Off (Da der Fragesteller unsichtbar bleibt, wirkt die Situation für die Leser vielleicht wie ein privates Selbstgespräch oder Geständnis. …)

Frage aus dem Off: Welche subjektiven Vorstellungsbilder könnten wir für „repressive Normalität“ bemühen?

Stimme aus dem Off: Der Begriff „repressive Normalität“ beschreibt einen Zustand, in dem Einschränkungen, Anpassungsdruck und der Verlust individueller Freiheit als völlig normal, alltäglich und unhinterfragt wahrgenommen werden. Als Beispiel könnte eine Dorfgemeinschaft oder Kleinstadt dienen, in der jeder Schritt des Nachbarn beobachtet und bewertet wird, während man nach außen Harmonie vortäuscht. Oder Menschen, die ihre Vitaldaten, Arbeitsstunden und ihr Sozialverhalten lückenlos per App tracken, um einem unsichtbaren gesellschaftlichen Ideal zu entsprechen. Oder eine Familienszene am Esstisch, bei der ein offensichtliches, schwerwiegendes Problem totgeschwiegen wird, während man sich betont höflich über das Wetter unterhält – für einen „Frieden um jeden Preis“.

Frage aus dem Off: Journalismus und Selbstanalyse – lässt sich das Thema überhaupt zusammenbringen?

Stimme aus dem Off: Das Thema Selbstanalyse wird im deutschen Mediensystem selten verhandelt, es bricht sich eher hier und da, dann hochgradig polarisiert, als Stellvertreterdebatte Bahn.
Linksliberale und öffentlich-rechtliche Medien wie die taz, Monitor oder NDR greifen beispielsweise Todespolitische Muster direkt auf, ohne zwingend den Begriff zu nutzen. Sie skandalisieren illegale Pushbacks, die Kriminalisierung der Seenotrettung oder das bewusste Kalkül des Ertrinkenlassens als staatlich geduldeten Entzug des Lebensrechts.
Bürgerlich-konservative Medien wie Die Welt oder FAZ rahmen dieselbe Realität im Sinne der staatlichen Souveränität. Das Sterben auf dem Meer wird hier primär als Tragödie, verursacht durch kriminelle Schlepper, oder als bedauerlicher, aber notwendiger Nebeneffekt eines funktionierenden Grenzschutzes – als „ordnungspolitische Normalität“ dargestellt. Als das theoretische Konzept der Nekropolitik im Frühjahr 2020 durch die Debatte um Achille Mbembe im deutschen Feuilleton einschlug, reagierte der journalistische Mainstream hochgradig defensiv. Plötzlich dominierte eine Abwehr- und Antisemitismusdebatte. Es ist offensichtlich, dass deutsche Journalisten eine unbewusste, aber immanente Nekropolitik bei der Gewichtung von Menschenleben besonders in der Auslandsberichterstattung fortschreiben. Der gewaltsame Tod von Menschen im globalen Süden sagen wir bei Konflikten im Kongo, im Jemen oder im Sudan, soetwas wird oft nur in kurzen Agenturmeldungen abgehandelt – ihr Tod wird medial normalisiert. Demgegenüber steht eine hochempathische, lückenlose Berichterstattung, wenn westliche oder europäische Leben bedroht sind. Durch die mediale Aufmerksamkeitsökonomie reproduziert der Journalismus die koloniale Logik der Nekropolitik, wonach manche Leben als „trauerwürdiger“ gelten als andere. Der deutsche Journalismus reflektiert Nekropolitik selten auf einer abstrakten, philosophischen Ebene. Stattdessen spiegelt seine Berichterstattung die tiefe politische Zerrissenheit des Landes wider. Die spürbare Unlust im deutschen Journalismus, sich im Hinblick auf den verengten Debattenraum der „repressiven Normalität“ – selbst zu analysieren, ist kein Zufall. Sie ist tief im Rollenverständnis, den ökonomischen Zwängen und der psychologischen Verfassung des heutigen Mediensystems verankert. Von rechts außen schallen Angriffe wie „Lügenpresse“, von links kommt der Vorwurf der Elitenberichterstattung, und im Netz schlagen Journalisten täglich Hass und digitale Hetze entgegen. Wenn ein System unter Dauerfeuer steht, schaltet es auf Verteidigung um. Radikale Selbstkritik – wie das Eingeständnis, dass die eigene Berichterstattung kolonialen Logiken des „Sterbenlassens“ folgt – wird intern als gefährliche Schwächung verstanden. Man fürchtet, den Kritikern „Munition zu liefern“. Das Eingeständnis, dass das eigene, gut situierte Mediensystem durch Ignoranz oder asymmetrische Empathie nekropolitische Zustände im globalen Süden normalisiert, kollidiert frontal mit diesem progressiv-moralischen Selbstbild. Es entsteht eine kognitive Dissonanz, die durch Abwehr gelöst wird. Redaktionen bevorzugen Menschen, die in Habitus, Ausbildung und Denken den bestehenden Führungskräften ähneln. Wer als junger Journalist oder freier Mitarbeiter systemkritische, theoretische Fragen wie die der Nekropolitik aufwirft oder die Selektionsmechanismen der eigenen Redaktion angreift, gilt schnell als „kompliziert“, „aktivistisch“ oder „unprofessionell“. Da kritische Selbstanalyse keine Karrierepunkte bringt, sondern das Risiko der Ausgrenzung birgt, unterbleibt sie im Sinne des beruflichen Selbstschutzes.

Stimme aus dem Off: Hat die Deutsche Medienlandschaft die Dimension der Todespolitischen Muster überhaupt erfasst?

Stimme aus dem Off: Nein, die Presse hat die Dimension todespolitischer Muster als zusammenhängendes, systemisches Konzept in der Regel nicht erfasst. Es gibt zwar eine intensive, oft hochempathische Berichterstattung über die Symptome der Todespolitik, doch der journalistische Mainstream verweigert sich dem Verständnis der zugrundeliegenden Struktur. Der Journalismus verhandelt todespolitische Phänomene meist unvollständig, was sich in spezifischen Mustern zeigt: Wenn Medien über das Ertrinken im Mittelmeer, verhungerte Kinder im Jemen oder Massengräber in Kriegsgebieten berichten, tun sie dies im Rahmen von Einzelereignissen, Katastrophen oder Skandalen. Was übersehen wird: Dass dieses Sterben kein Unfall des Systems ist, sondern dessen logische Konsequenz. Der Journalismus versagt darin, die Verbindungslinien zu ziehen – etwa zwischen westlicher Handelspolitik, globaler Ausbeutung, militärischer Abschreckung und der Errichtung von Zonen, in denen das Recht auf Leben systematisch entzogen wird. Es wird als Tragödie geframed, nicht als globale Administrierung des Todes. Medien sind darauf trainiert personalisierte Geschichten zu erzählen – „Täter vs. Opfer“ – es fehlt ihnen der Wille oder das analytische Werkzeug, um die unsichtbare, bürokratische Gewalt eines globalen Verwaltungssystems abzubilden, das Menschen schlicht für „überflüssig“ erklärt. Dass die Presse die Dimension nicht erfasst hat, zeigt sich am deutlichsten an der unbewussten Selektion, welche Toten Relevanz besitzen. Die Presse sieht die Leichen, aber sie verweigert den Blick auf die Mechanismen, auf die Hintergründe, auf die Strukturen, die sie produziert.

Frage aus dem Off: Reagierte Journalismus möglicherweise immer schon mehr oder weniger unbewusst auf die Wünsche seiner Leser unbehelligt zu bleiben?

Stimme aus dem Off: Ja, diese wechselseitige Dynamik ist einer der stärksten Treiber für den blinden Fleck des Journalismus. Es handelt sich um eine Symbiose der Verdrängung: Die Redaktionen bedienen das tiefe Bedürfnis des Publikums, die eigene Komfortzone und das westliche Selbstbild nicht durch die brutale Realität globaler Todespolitik erschüttern zu lassen. In der Medienwissenschaft und Psychologie wird diese Reaktion auf den Wunsch der Leser, „unbehelligt zu bleiben“, über mehrere etablierte Mechanismen erklärt. Menschen kaufen und lesen Medien nicht, um permanent verunsichert oder moralisch tief erschüttert zu werden, sondern um Bestätigung für ihr Weltbild zu erhalten. Würde ein Medium täglich analysieren, dass der deutsche Wohlstand, die günstigen Lieferketten oder die Migrationspolitik auf einer systemischen Infrastruktur des Sterbenlassens basieren, würde es seine Leser chronisch überfordern und vor den Kopf stoßen. Das Publikum verlangt unbewusst nach Erzählungen, die die eigene moralische Integrität wahren. Der Journalismus liefert dieses Framing verlässlich. Um Reichweitenverluste und Kündigungen zu vermeiden, filtert der Journalismus die Radikalität dieser Themen instinktiv herunter. Zudem: Wenn Berichte über Kriege, Ertrinkende oder globale Krisen nur noch Hilflosigkeit und Frustration auslösen, schaltet das Publikum ab. Redaktionen versuchen zunehmend, Geschichten so zu verpacken, dass sie „konsumierbar“ bleiben. Eine tiefgehende todespolitische Analyse bietet jedoch keinen simplen Ausweg und kein optimistisches Ende. Also bleibt die Presse bei der klassischen, distanzierten Katastrophenberichterstattung, die man nach dem Lesen leichter beiseitelegen kann. Es gibt einen stillschweigenden Pakt zwischen Medien und Gesellschaft darüber, welche Toten „unsere“ Aufmerksamkeit verdienen und welche zu weit weg sind, um den Alltag zu stören. Der Journalismus spiegelt diese menschliche Eigenschaft wider, anstatt sie zu korrigieren. Er dosiert die Grausamkeit der Welt exakt so, dass das Publikum ein wohldosiertes Maß an Mitgefühl zeigen kann, ohne dass die fundamentale Normalität des eigenen Lebens infrage gestellt wird. Es ist ein ungeschriebener Vertrag: „Informiere mich, aber mach mir kein schlechtes Gewissen.“

Frage aus dem Off: Könnten wir in diese „Symbiose der Verdrängung“ tiefer eindringen – Welche Art der Analyse könnte und helfen?

Stimme aus dem Off: Wie wäre es mit Jacques Lacan. Wir würden dann wohl zur der Illusion einer Symbiose – im Imaginären – und die Konstitution des Subjekts durch Verdrängung – im Symbolischen – gelangen (Die Stimme aus dem Off lacht). Gehen wir einen Schritt zurück: Das bürgerliche Subjekt versteht sich selbst idealerweise als autonomes, rationales, in sich gefestigtes Individuum. Die Verdrängung und die bürgerliche Lebensrealität gingen immer schon eine untrennbare Symbiose ein: Es kann sich meist nur durch die Sprache des „Anderen“ (der Gesellschaft) artikulieren. Wenn es „Ich“ sagt, spricht es nie aus seinem wahren Kern, sondern reproduziert die Codes und Erwartungen der bürgerlichen Ordnung. Was das bürgerliche Subjekt begehrt – Erfolg, Status, Eigentum, die perfekte Familie – ist nicht sein eigenes Begehren, sondern das, was die symbolische Ordnung ihm als erstrebenswert spiegelt. Für Lacan existiert das bürgerliche Subjekt somit nur durch die Verdrängung. Seine vermeintliche Autonomie ist eine neurotische Abwehrleistung. Die „Symbiose der Verdrängung“ bedeutet in dieser Lesart: Die bürgerliche Welt stabilisiert sich dadurch, dass ihre Subjekte permanent das Reale ihres eigenen Mangels und ihrer inneren Spaltung verdrängen, um die Illusion eines funktionierenden, autonomen Lebens aufrechtzuerhalten.

Frage aus dem Off: Das Klingt ja gerade so, als gäbe es absolut keinen Ausweg aus dieser „Symbiose der Verdrängung“ – das ist schon sehr pessimistisch!

Stimme aus dem Off: Für Lacan ist die Spaltung des Menschen durch die Sprache unumkehrbar. Wer nicht verdrängt und das Symbolische komplett ablehnt, bricht psychotisch zusammen. Ein Ausweg wäre zu erkennen: Es gibt kein Objekt, das mich jemals ganz macht. Diese Einsicht befreit von der ewigen, erschöpfenden Jagd. Umformuliert hieße dies: Das Phantasma wird „durchquert“, wenn das Subjekt akzeptiert. Es würde bedeuten zu akzeptieren, dass der „Andere“ – die Kultur, das Gesetz, der Staat – selbst unvollständig, widersprüchlich und gespalten ist. Es gibt keine übergeordnete Instanz, die garantiert, was „richtig“ ist. Der Ausweg ist kein Ausstieg aus der Sprache oder der Gesellschaft, sondern ein Wechsel der Perspektive: Weg von der Illusion, man könne jemals wieder „eins mit sich selbst“ sein – das wäre wider eine falsche Symbiose – hin zu einer mutigen Ethik des Begehrens.

Frage aus dem Off: Wie durchqueren wir ein Phantasma? – Was ist die Ethik des Begehrens?

Antwort aus dem Off: Das Phantasma zu durchqueren bedeutet nicht, es zu zerstören, sondern seine illusionäre Struktur vollständig zu durchschauen. Wir glauben unbewusst, dass die Gesellschaft, die Eltern oder Gott – der Große Andere – von uns verlangen, dieses Phantasma zu leben. Das Subjekt erkennt schließlich: Der Große Andere weiß selbst nicht, was er will. Er ist genauso mangelhaft und leer wie wir. Am Nullpunkt der Durchquerung kollabiert die Illusion. Man erkennt: Es gibt kein finales Glück, und das ist okay. Der Mangel wird nicht mehr als schmerzhafte Wunde erlebt, die geheilt werden muss, sondern als der eigentliche Motor unserer Existenz und Freiheit. Die einzige Sünde in der Psychoanalyse ist der Verrat am eigenen Begehren. Wenn du deine tiefste innere Berufung oder Wahrheit opferst, um den Erwartungen der Familie, des Jobs oder der gesellschaftlichen Moral zu entsprechen. Traditionelle bürgerliche Ethik, wie der Utilitarismus oder Kants Pflichtethik, zielt oft auf das „Gute“, auf Harmonie, Nutzen und das Einhalten von Regeln ab. Lacans Ethik ist ungemütlich. Das wahre Begehren schert sich nicht um bürgerliche Bequemlichkeit oder soziale Konventionen – es ist oft störend und radikal. Du kannst dich nicht mehr hinter Ausreden verstecken „Die Umstände haben mich gezwungen“ oder „Meine Eltern sind schuld“. Wer der Ethik des Begehrens folgt, übernimmt die volle Verantwortung für sein – oft paradoxes – unbewusstes Handeln und Verlangen. Für Lacan ist die Übernahme der Verantwortung für das eigene Unbewusste der Kernpunkt und das eigentliche Ziel der gesamten Psychoanalyse. Das Unbewusste ist kein fremdes Monster in uns, sondern der Kern unseres Seins. Wenn du eine Fehlleistung begehst (etwas verlierst, jemanden verletzt, ein Projekt sabotierst), dann bist das du, der hier spricht. Es ist dein verdrängtes Begehren, das sich Ausdruck verschafft. Bürgerliche Schuld entsteht, wenn du gegen die Regeln des „Großen Anderen“ (Gesetze, Eltern, Moral) verstößt. Sie führt zu Neurosen und Selbstbestrafung. Radikale Verantwortung bedeutet, zu akzeptieren: Ich bin der Urheber meiner Symptome.

Frage aus dem Off: Wie könnte eine Linie von der Begrifflichkeit der Todespolitik und „Ich bin der Urheber meiner Symptome“ gezogen werden?

Antwort aus dem Off: Nach Lacan gibt es im Unbewussten den Todestrieb. Dieser strebt nicht einfach nach biologischer Vernichtung, sondern ist ein Trieb zur Wiederholung und zu einem exzessiven, schmerzhaften Genießen (Jouissance). Systeme der Todespolitik zapfen diese unbewusste Schmerzlust der Menschen an. In diesem Sinne bedeutet der Satz „Ich bin der Urheber meiner Symptome“ hier: Ich gestehe mir ein, dass ich an meiner eigenen Zerstörung unbewusst mitgearbeitet habe. Ich habe die zerstörerischen Angebote der Politik in mein eigenes psychisches Drehbuch eingebaut. Solange ein Mensch sich rein als „Opfer“ der äußeren Verhältnisse – und damit auch der Todespolitik – sieht, bleibt er in der Passivität gefangen. Er delegiert die Macht an den „Großen Anderen“. Erst wenn das Subjekt die Verantwortung für sein Symptom übernimmt und erkennt: „Ich bin der Urheber“, entzieht es der Todespolitik das Fundament: den unbewussten, leidenden Gehorsam.

Frage aus dem Off: Verstehe ich richtig, dass ein Journalismus, der in der Moderne ankommen will, sein eigenes Symptom – den unbewussten Gehorsam – erkennen müsste?

Stimme aus dem Off: Überträgt man den Lacan’schen Ansatz von der Individualpsychologie auf die Medienstruktur, wird deutlich: Der heutige Journalismus ist oft kein aufgeklärter, kein moderner Journalismus. Er leidet an einem kollektiven, neurotischen Symptom, das er selbst erzeugt und das ihn in der Passivität gefangen hält. Journalisten verstehen sich selbst meist als vierte Gewalt, als kritisch, unabhängig und aufklärerisch. Das ist ihr eigenes Phantasma – das bürgerliche Idealbild im Register des Imaginären. Das reale Symptom sieht jedoch anders aus: Der Journalismus gehorcht unbewusst meist den Erwartungen der Leser, den Logiken des Marktes und den Narrativen der Macht. Dieser Gehorsam wird als „Sachzwang“ oder „Objektivität“ getarnt. Dieses Symptom schützt Journalisten vor der schmerzhaften Wahrheit, dass sie meist nicht die Mächtigen kontrollieren, sondern ihnen als als Treibriemen – bis hin zu einer abgründigen Todespolitik – dienen. Ein aufgeklärter Journalismus müsste anerkennen, dass die grassierende Glaubwürdigkeitskrise und die eigene Lähmung selbstgemacht sind. Es wäre der Abschied von der Illusion der reinen Objektivität. Es würde bedeuten zu erkennen, dass es keinen neutralen, unbeteiligten Beobachterposten gibt. Jeder Bericht, jede Auswahl von Nachrichten konstituiert bereits Realität.

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