[Zum Wahn der Liebe #91 … ]

Pauline à la plage (1983) — “ …Ein … präzise … inszeniertes Spiel um Rollenmuster, trügerische Verhaltensweisen und den alltäglichen Widerspruch zwischen Reden und Handeln …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Pauline_am_Strand

“ … Pierre mangelt es an Empathie, er sieht die Liebe primär als rationale Angelegenheit und weigert sich, das Element der Verrücktheit anzuerkennen, das selbst für Pauline zur Liebe gehört. …“ | Quelle: Vittorio Hösle: Éric Rohmer – Kap., Comédies et proverbes (2018)

lemon / 5 Dezember 2020 / Fraktal.Text / 0 Comments

[Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre #55… ]

Die Kraniche ziehen (1957) | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Kraniche_ziehen

Herbert Spaich (6.Mai 2012): “ …Mit dem Tod Josef Stalins am 5. März 1953 begann eine neue Ära in der Sowjetunion, die als „Tauwetter-Periode“ in die Geschichte eingegangen ist. … Bei den Filmfestspielen von Cannes 1958 wurde die sowjetische Produktion „Die Kraniche ziehen“ als Sensation gefeiert und mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. …“ | https://filmspaicher.de/sowjetische-tauwetter-filme // https://de.wikipedia.org/wiki/Tauwetter-Periode

“ … Die Tauwetterperiodehat [hat] eine riesige Welle von Filmen hervorgebracht, vor allem im Vergleich zu der stalinistischen Periode, die als „Malokartinje“ bezeichnet wird. Doch das Phänomen der Tauwetterkriegsfilmästhetik wird in der Kultur-und Filmwissenschaftin der Regel nur anhand einiger Meisterwerke wie Letjat žuravli (1957), Ballada o soldate (1959), Sud’ba čeloveka (1959) und Ivanovo detstvo (1962) verallgemeinert. Die Analyse der Ästhetik des Tauwetterfilms wird nur auf diese weltberühmten Meisterwerke reduziert. … die sowjetische posttraumatische Gesellschaft der 1960er Jahre [verfügt] nicht nur über melancholische, sondern auch über schizophrene Merkmale. Das passiert dann, wenn im Bewusstsein der Subjekte derselben Gesellschaft, in der jedes Subjekt mehr oder weniger ein Trauma erfuhr, zwei sich gegenseitig ausschließende Versionen der Vergangenheit existieren, die sich in einem passiven Konflikt gegenüberstehen. Auf der einen Seite ist da die verdrängte, intime, traumatisierende, kritische, unausgesprochene, eine persönliche Kränkung enthaltende Geschichtsversion; auf der anderen Seite die offizielle, zur Schau gestellte, ideologisch akzeptierte und „genehmigte“, manchmal auch eher neutrale Version der Vergangenheit, … . Es war aber insbesondere die zweite Version des Gedächtnisses, die die Erinnerungkultur für die nachfolgenden Generationen Russlands wesentlich prägte. Etkind bezeichnete diese gleichzeitige Existenz mehrerer Dimensionen sich gegenseitig ausschließender und zuweilen unlogischer Erinnerungen über dieselbe Ereignisse mit einer gewissen Ironie als „Multihistorismus“ in Analogie zum westlichen Multikulturalismus. … Solženicyn und viele andere Forscher, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der sowjetischen Erinnerungskultur geleistet haben, unterstrichen, dass die Opfer des Kommunismus oftmals nicht verstanden haben, warum das System plötzlich damit anfing, in ihnen Feinde und Verräter zu sehen, und bis zuletzt auf einen guten Ausgang des schicksalhaften und absurden, wie sie meinten, Missverständnisses hofften. Die unbewusste, verdrängte Angst vor dem sowjetischen Totalitarismus, die in der Filmkunst durch unheimliche Parallelen zum deutschen Nationalsozialismus reflektiert wird, ist das Hauptleitmotiv, mit dem die Regisseure-Šestidesjatniki [(Die ‚Sechziger‘ waren Vertreter einer neuen Generation der sowjetischen Intelligenz, von denen die meisten zwischen 1925 und 1945 geboren wurden und in den späten 1950er und 1960er Jahren – nach dem Chruschtschow-Tauwetter – in die Kultur und Politik der UdSSR eintraten.)] bewusst oder unbewusst in der Kriegsfilmästhetik der Tauwetterzeit gearbeitet haben. … Schmerzhaft nicht nur wegen des Schweregrades des Traumas selbst, sondern auch wegen der bekannten tragischen Folgen für die Kunstschaffenden und die Intelligenzija [https://de.wikipedia.org/wiki/Intelligenzija], falls sie eine oder andere heikle Frage in der öffentlichen Diskussion ausgebreitet haben sollten. Mit anderen Worten, die Diskussion über das Trauma führte zur Wiederholung des Traumas im wortwörtlichen, physischen Sinne. … Die Analyse der Kriegsfilme aus der Tauwetterperiode hat gezeigt, dass die Unterwanderung der symbolischen Ordnung und der Ideologie in der Filmkunst für einen symptomatischen Ausdruck des sowjetischen Kriegstraumas steht. Die von den Regisseuren verwendeten Verfahren, vor allem die Verfremdungsverfahren dienen dabei der Visualisierung der traumatischen Symptome der sowjetischen Gesellschaft der 60er Jahren. Dem Rezipienten beziehungsweise dem Zuschauer des Films wird die Rolle zugeschrieben, die dargestellten Symptome zu erkennen und sie zu interpretieren…. “ | Aus: „Die Rolle des Imaginären in sowjetischen Kriegsfilmen: Zur Unterwanderung von symbolischer Ordnung und Ideologie in der Filmkunst nach dem Stalinismus“ Inauguraldissertationzur Erlangung des Doktorgrades der Philosophiean der Ludwig‐Maximilians‐Universität München vorgelegt von Evgenia Bezborodova aus Chemnitz (2018) | https://edoc.ub.uni-muenchen.de/22382/1/Bezborodova_Evgenia.pdf

lemon / 1 Dezember 2020 / Cinema.Exposure, Found.Stuff, Fraktal.Text, Gedanken.Memo, Gespaltene.Deutung, Global.Politix:Micro, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Zur Ontologie des nicht seienden #28… ]

via https://postsecret.com/2020/11/29/sunday-secrets-343/

Slavoj Žižek (23.12.2015): “ … In einer bekannten Anthropologenanekdote antworten sogenannte Primitive, denen man abergläubische Vorstellungen zuschreibt (dass sie zum Beispiel von einem Fisch oder einem Vogel abstammen), wenn man sie direkt danach fragt: „Natürlich nicht, so blöd sind wir nicht, aber wir haben gehört, dass einige eurer Vorfahren das tatsächlich geglaubt haben.“ Sie übertrugen also ihren Glauben auf einen anderen. Machen wir nicht dasselbe mit unseren Kindern? Wir feiern Weihnachten oder das Nikolaus-Ritual, weil unsere Kinder daran glauben (sollen) und wir sie nicht enttäuschen wollen; aber sie geben nur vor, das zu glauben, um uns nicht zu enttäuschen (und natürlich, um Geschenke zu bekommen). Ist es nicht dieses Bedürfnis, jemanden zu finden, der „wirklich glaubt“, das uns auch dazu treibt, den anderen als religiösen oder ethnischen Fundamentalisten zu stigmatisieren? … In einem klassischen Psychiatriewitz wird ein Mann, der glaubt, ein Samenkorn zu sein, in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, und die Ärzte geben ihr Bestes, um ihn davon zu überzeugen, dass er kein Samenkorn ist. Als er davon geheilt ist und die Anstalt verlassen kann, kommt er jedoch sofort vor Angst zitternd wieder zurück. Vor der Tür stehe ein Huhn, er habe Angst, von ihm gefressen zu werden. „Sie wissen doch“, sagt der Arzt, „dass Sie kein Samenkorn sind, sondern ein Mensch.“ „Natürlich“, antwortet der Mann, „aber weiß das Huhn das auch?“ Wir können uns einen vergleichbaren Fall auch mit Gott anstelle des Huhns vorstellen. In einer aufgeklärten Gesellschaft des revolutionären Terrors wird ein Mann ins Gefängnis geworfen, weil er an Gott glaubt. Mit verschiedenen Maßnahmen, vor allem durch eine aufklärerische Erklärung, wird er zur Gewissheit geführt, dass Gott nicht existiert. Kaum entlassen, kommt der Mann zurück und erklärt, er fürchte, von Gott bestraft zu werden. Natürlich weiß er, dass Gott nicht existiert – aber weiß Gott das auch?
… In genau diesem Sinn ist unsere Gesellschaft womöglich weniger atheistisch als alle vor ihr. Wir sind alle bereit, uns totaler Skepsis, zynischer Distanz, „illusionsloser“ Ausbeutung anderer, extremen Sexualpraktiken oder sonst etwas hinzugeben – geschützt von dem schweigenden Bewusstsein, dass der große Andere (die öffentliche Meinung) es ignoriert. … Nur wenige glauben wirklich an die Demokratie, aber wir beteiligen uns an dem Spiel. Nur wenige glauben an Gerechtigkeit, aber wir verlassen uns auf unser Rechtssystem. Dieses Paradox macht deutlich, auf welche Weise ein Glaube eine reflexive Haltung ist. Es geht nie allein ums simple Glauben, man muss an den Glauben selbst glauben. Deswegen hatte Kierkegaard auch recht, als er behauptete, dass wir nicht wirklich (an Christus) glauben, sondern nur glauben, dass wir glauben. …“ | Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/warum-feiern-atheisten-weihnachten-slavoj-i-ek-13975453.html

“ … Der große Andere ist das Andere des Subjekts, das Nicht-Ich, das dieses Subjekt jedoch immer schon strukturiert und ausrichtet. So muss „der Andere als der Ort [verstanden werden], an dem das Ich, das spricht, sich konstituiert.“ (Lacan: Seminar III, S. 322) … „Der große Andere existiert nicht“ bedeutet in diesem Sinne, dass der große Andere nicht im Realen existiert, sondern nur in unserer phantasmatischen Vorstellung. Das Phantasma stellt einen Versuch dar, den Mangel des großen Anderen aufzufüllen. Der große Andere ist insofern wesentlich ideologisch. Lacan sieht auch das religiöse Opfer als Garant dafür, dass es überhaupt einen Anderen gibt, der das Opfergeschenk annimmt; das Opfer erfüllt also nicht den Zweck, etwas im Tausch zu bekommen, sondern dient vielmehr dazu, den Schein der Omnipotenz des großen Anderen aufrechtzuerhalten. …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Der_gro%C3%9Fe_Andere (28. Mai 2019)

“ … Für Lacan ist der Riss, der Subjekte durchzieht, besonders wichtig: Einerseits werden sie in eine Kultur hineingeboren, in der sprachlich und kulturellschon vorentschieden ist, was sie sind – d.h. mit welchen Signifikanten sie sprechen und welche Signifikate Bedeutung haben werden –, andererseits aber scheint es die Freiheit der Subjekte zu sein, hierin ihr ganz eigenes Interesse und je subjektive Besonderheit aufzuspüren. … Mit der Unschärfe der Wahrheit der Psychoanalyse ist für Lacan eine Tür hin zu den Beziehungen der Menschen aufgestoßen. Ihn beunruhigt dabei stärker als andere Psychoanalytiker zutiefst die Kluft zwischen biologischen Antrieben und kulturellen Ereignissen, zwischen interaktiven und sprachlich vermittelten Prozessen. Das Unbewusste umgreift … unverstandene Handlungen von Subjekten … Das Spiegeln des anderen, das Begehren des anderen auf der imaginären Achse, die eine Fülle von lebendigen und vielseitigen Beziehungen ermöglicht, die für Lacan überhaupt erst die Perspektive der Intersubjektivität ermöglicht … Interaktion ist nie nur – auch idealtypisch nicht – ein Verhältnis von Ich und Du, von selbst und anderem. … Das Ich ist vorrangig eine imaginäre Konstruktion (Lacan 1980, 309). Wäre es nicht imaginär, dann wären wir keine Menschen, sondern Monde, Planeten in bestimmten Umlaufbahnen, berechenbar. … So wichtig die imaginäre Position nun auch ist, um die menschliche Fantasie zu behaupten, sie bedingt geradezu die Grenzziehung durch das Symbolische, um den Menschen als soziales Wesen zu konstituieren. …“ | Aus: Kersten Reich: Die Ordnung der Blicke – „Lacans Erweiterungen des Unbewussten“ (2., völlig überarbeite Auflage, 2009) | http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/buecher/ordnung/band1/II.3.5.pdf | http://www.uni-koeln.de/hf/konstrukt/reich_works/buecher/ordnung/band1.html

Henriette Stach – Religion und Fantasy: Das glauben die Charaktere von „Game of Thrones“ (16.04.2019): “ … „Ich hab‘ schon die ganze Welt umsegelt, und überall wo ich hinkomme, reden die Leute vom einzig wahren Gott. Alle glauben den Richtigen anzubeten“, fasst der Pirat und Flottenkommandant Salladhor Saan treffend zusammen. …“ | https://www.pro-medienmagazin.de/medien/fernsehen/2019/04/16/das-glauben-die-charaktere-von-game-of-thrones/

Freelo (2018): “ … Ich kenne diese Serie [Game of Thrones] nicht, habe mich nur ein wenig über die Inhalte informiert. Müssen Christen sich mit einer Serie, die Götzendienst, Gewalt und sexuelle Unmoral und Perversion verherrlicht auseinandersetzen? Muss Medienmagazin Pro über so eine ungöttliche Serie informieren anstatt davor zu warnen? …“

Black Sheep Freelo (2018): “ … ich finde die Informationen gut. Warnen muss mich niemand, weil ich weiß, dass mein Gott der einzig wahre ist. Aber es gibt Leute um mich herum, die die Serie schauen. Wenn ich da dann mit reden kann und sich daraus ein Gespräch über Glauben und über meinen Herrn ergibt, dann habe ich viel gewonnen. Ich habe von Missionaren gelernt, dass es wichtig ist, in Glaubensgesprächen an die Erlebniswelt der Menschen anknüpfen zu können. Und Serien gehören heute zur Erlebniswelt. …“

„Die Fantasie aber ist das eigentlich Individuelle und Besondere eines Jeden.“ – Friedrich Schleiermacher (1768-1834): Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre, 3. Buch, I. (1803)

lemon / 1 Dezember 2020 / Fraktal.Text, Realitaets.Tunnel / 0 Comments

lemon / 28 November 2020 / Found.Stuff, Visual.Notes / 0 Comments

lemon / 27 November 2020 / Found.Stuff, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

[Arbeit am Mythos #7 … ]

Homers Held (hier Kirk Douglas in „Die Fahrten des Odysseus“, 1954) bei einer begründeten freiheitsbeschränkenden Maßnahme.

Reinhart Wustlich (03.05.2020): “ … Homers Odysseus sucht und hält den Kurs in unbekannten Gewässern, im Nicht-Wissen, im Beharren gegen die Schwarmintelligenz der Gefährten. … Der Held am Mast, ein Mann der Antike – doch wozu die freiheitsbeschränkenden Maßnahmen, den Odysseus jeglicher Bewegung zu berauben, nur damit er die Versuchung zu hören bekomme? Weshalb den sensiblen Hörsinn der Gefährten zu blockieren, nur um sie nicht vom Kurs abzubringen? Und wie gestaltete ein Homer von heute die Liste der Sirenengesänge – vom verblendeten Turbokapitalismus, vom verstockten Autoritarismus? … „Wir tragen das Bild Homers in uns“, notierte die spanische Schriftstellerin Nuria Labari, „aber wir haben die Geschichte falsch verstanden.“ Durch die Corona-Geografie, die sich wie Nebel über alle Länder legt, die Terra incognita, die uns zurückwirft auf ein eingeschränktes Weltverständnis: „So viel Wissen über unser Nichtwissen und über den Zwang, unter Unsicherheit handeln zu müssen, gab es noch nie“ …“ | https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/navigieren-jetzt-13746769.html

(10.8.2020): “ … Zwischen Skylla und Charybdis – Ein Gaststättenbetrieb ohne Alkoholausschank ist kaum denkbar. Coronaschutz unter Zechenden aber ebensowenig. Was tun? …“ | https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/alkoholverbot-zwischen-skylla-und-charybdis-li.97945

Udo Gümpel, Rom (Donnerstag, 19. November 2020): “ … Zwischen Skylla und Charybdis – Ärzte in Italien fordern drastischen Lockdown …“ | https://www.n-tv.de/politik/Arzte-in-Italien-fordern-drastischen-Lockdown-article22180167.html

(31.10.2020): “ … Alle Politiker haben irgendwelche Probleme und Widersacher. Aber wohl kaum so viele wie Boris Johnson. … Anhänger verteidigen Johnson mit dem Argument, dass es eine enorme Herausforderung für ihn sei, einen Weg zwischen «der Scylla eines neuen nationalen Lockdown und der Charybdis eines unkontrollierten Virus» zu finden — wie er es selbst mit Bezug auf Seeungeheuer in der griechischen Mythologie formuliert. …“ | https://www.bluewin.ch/de/news/international/boris-johnson-hat-viele-probleme-und-wenige-politische-freunde-456048.html

Wolfgang Schneider (09.05.2019): “ … In „Als die Natur noch sprach“ zeichnet Karl-Heinz Göttert die vormoderne Naturgeschichtsschreibung nach. Ihm gelingt es, einen faszinierenden Überblick zu geben – trotz seiner zuweilen ermüdenden Detailverliebtheit. … Göttert blättert in alten Kräuterbüchern und medizinischen Kompendien, er sammelt erhabene Irrtümer, abstruse Theorien und verwegene Spekulationen. Es gibt Kapitel über die heute wieder verklärte Klostermedizin des Mittelalters und über die Säftelehre bzw. Humoralpathologie von Hippokrates und Galen, die über zwei Jahrtausende die medizinische Theorie und Praxis bestimmte – eine zwar irrige, aber hochkomplexe Systematik des menschlichen Körpers und der Temperamente. Immerhin brachte die Humoralpathologie eine neue, magiefreie Denkweise gegenüber den archaischen Auffassungen. Diese erklärten die Befindlichkeiten und Krankheiten des Menschen ganz aus dem Wirken von Göttern, Geistern oder Dämonen. … Auf Dauer wird Götterts Buch den besprochenen Werken immer ähnlicher: eine Kompilation, ein Sammelsurium, ein Kuriositätenkabinett. Aber auch wenn man manche allzu detailfreudige Ausführung überblättert, bekommt man einen faszinierenden Panoramablick über 2000 Jahre Naturgeschichtsschreibung. …“ | https://www.deutschlandfunkkultur.de/karl-heinz-goettert-als-die-natur-noch-sprach-weltdeutung.1270.de.html?dram:article_id=448205

Andreas Grünschloß, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Göttingen (02.09.2020): “ … Gerade in der Anfangsphase der Corona-Pandemie gab es ja eine Fülle von esoterischen oder sagen wir mal „alternativen“ Deutungen dessen, was hier im Gange ist: Dass es sich hier gar nicht um ein Virus handelt, sondern das sind Strahlen der Übertragungsmasten … Also eine ganze Reihe von alternativen Deutungsmustern. Und das ist, glaube ich, ein wichtiger Punkt. Wir kennen es nur vom Hörensagen – und wenn man dann mit Beeinträchtigungen leben muss, dann kann man sich natürlich relativ leicht darüber hinwegsetzen und behaupten, diese ganzen [Kontakt-] Reduzierungsvorschriften, die sind unplausibel, ich kenne überhaupt niemanden, der das Virus gehabt haben soll. Das kommt auch noch mit hinzu. Und dann eben das gepaart, sei es nun aus einer alternativen politischen Utopie, also ich sage mal einer Reichsbürger-affinen Ideologie heraus oder sei es aus einer esoterischen Weltdeutung heraus, wo man sagt, hier sind gewisse Mächte im Gange, die im Hintergrund ihre Fäden ziehen, auch in der esoterischen Weltdeutung gibt es ja Verschwörungstheorien, es muss nicht, aber es gibt sie, und so können dann natürlich so bestimmte Argumentationsmuster sich ergänzen. Und dass man zumindest da dann sich auf einer Demo zusammenfinden kann und sagen, wir haben einen gemeinsamen Feind, und das sind die etablierten, diskursmächtigen Größen, die uns hier was weismachen wollen. …“ | https://www.deutschlandfunk.de/esoterik-rechtsextreme-und-proteste-gegen-corona-massnahmen.886.de.html?dram:article_id=483421

Nils Markwardt (15. April 2017): “ … Das Gefährliche an Rechtspopulisten ist nicht bloß ihr eigenwilliger Umgang mit Fakten. Es ist ihre Sehnsucht nach einer politischen Mythologie. … Schon seit der Gegenaufklärung des 18. Jahrhunderts zeichnet [ ] sich [das reaktionäre Denken] durch eine radikale Kritik am kalten, zersetzenden Rationalismus der Moderne aus. Von Edmund Burke über Joseph de Maistre bis Carl Schmitt besteht die Grundidee, grob gesagt, darin, dass der Mensch, dieses sündhafte Mängelwesen, vom dekadenten anything goes bedroht wird. Dort, wo sich Universalismus und Humanismus ungehindert Bahn brechen, wo Autorität, Tradition und Hierarchie schwinden, verfalle der Mensch der Hybris und gleiten Gesellschaften ins Chaos. Deshalb brauche das Subjekt eine höhere, schicksalhafte Idee, der es sich buchstäblich unterwerfen kann. …“ | https://www.zeit.de/kultur/2017-04/politische-mythologie-rechtspopulismus-identitaere-bewegung-heimat-volk-fakten

Joachim F. Tornau (17.05.2020): “ … drei Rentner bilden den Vorstand des eingetragenen Vereins „Thule-Seminar“, der bereits seit dem Jahr 1980 mit Publikationen und Veranstaltungen für einen intellektuell verbrämten Rechtsextremismus und Rassismus wirbt. Das Verfahren gegen sie schwelt schon sehr lange: Es geht um einen Taschenkalender für das Jahr 2016, den sie veröffentlicht haben sollen. Das nach dem rächenden Kriegsgott aus der römischen Mythologie benannte Werk „Mars Ultor“ rief auf zum Rachefeldzug gegen die angeblich durch Masseneinwanderung und Multikulturalismus angestrebte „Ausrottung der Deutschen“. …“ | https://www.fr.de/politik/rechte-vordenker-muessen-gericht-13766431.html

Thomas Assheuer (November 2020): “ … wir müssen [Mythen] vom gewaltverliebten Schicksalsdenken lösen und ihre Stoffe deuten. … Nie gab Klaus Heinrich Anlass für rationalistischen Hochmut, und seine jüngsten Zeitdiagnosen waren düster. Nicht nur, dass das Vertrauen in die Macht der Vernunft schwinde; die Zivilisation selbst erliege dem „Sog der Selbstzerstörung“, während sich die „Abgrundgemeinschaft“ der Enttäuschten im Hass zerfleische. Heinrich hatte Freuds Rede vom „Selbstvernichtungstrieb der Gattung“ stets verteidigt; deren heimlicher Wunsch, „die Welt selbst aus der Welt zu schaffen“, war für ihn eine drohende Wahrheit. Behalten die Mythenerzähler am Ende also doch recht? Nein, Heinrichs Pointe ging anders: Anstatt gegen sich selbst die Kräfte der Kritik zu mobilisieren, verleugnet die Zivilisation die Natur und macht den Fortschritt zum Mythos – die Aufgeklärten waren nicht aufgeklärt genug. Am Montag ist Klaus Heinrich in Berlin im Alter von 93 Jahren gestorben. …“ | https://www.zeit.de/2020/49/klaus-heinrich-religionsphilosoph-mythen-theologie-nachruf

“ … Die Vorstellung vom [ ] Gegensatzpaar Thanatos-Eros ist erst durch die Freudsche Psychoanalyse aufgekommen und der griechischen Mythologie entlehnt. Thanatos und Eros werden im Sinne einer Evolution der Triebe als Urtriebe angesehen. Freud selbst sprach allerdings nur von „Eros“ im Gegensatzpaar von Lebenstrieb(en) und Todestrieb(en) seiner späteren Theorie. (Freud erwähnt dabei abwechselnd Trieb und Triebe, verwendet also den Singular und Plural ohne genaue Festlegung.) Der Begriff des „Thanatos“ als Gegenpol zum „Eros“ wurde allerdings nicht durch Freud selbst, sondern von Ernst Federn eingeführt. … [Hier ein] Zitat aus Herbert Marcuse, Triebstruktur und Gesellschaft: Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, 1984 Frankfurt/Main, Suhrkamp, (unter altem Titel „Eros und Kultur“ schon 1957 erschienen.): „Die letzte Beziehung zwischen Eros und Thanatos bleibt dunkel“ (S. 32). …“ | https://de.wikipedia.org/wiki/Thanatos_(Mythologie)

Juan Fernando de Laiglesia: Eros und Thanatos am Strand
Mischtechnik auf Papier, 34,5 x 24,9 cm, 1977

Quelle: https://www.catawiki.de/l/16197701-signed-greta-buysse-eros-thanatos-2000

lemon / 26 November 2020 / Fraktal.Text, Gedanken.Memo / 0 Comments

[Mythen meiner Kindheit #11… ]

“ … Die Brüder Löwenherz (schwedisch Bröderna Lejonhjärta) ist der Titel eines erstmals 1973 veröffentlichten Romans von Astrid Lindgren. … Der neunjährige Karl liegt schwer krank im Bett und weiß, dass er bald sterben wird, obwohl es ihm keiner sagen möchte. Er bewundert seinen 13-jährigen Bruder Jonathan, der klug, fröhlich und überall beliebt ist. … Astrid Lindgren hat sich … des Themas Tod angenommen. Sie hat dafür Kritik von zwei Seiten erhalten. Einerseits gab es Meinungen, dass das Thema zu ernst sei, um in Kinderbüchern beschrieben zu werden. Andererseits wurde kritisiert, dass der Tod verharmlost werde, weil die Brüder sich ihrer Schwierigkeiten durch einen Sprung in den Tod entziehen können. … Viele junge Leser wandten sich immer wieder an Astrid Lindgren und wollten wissen wie es mit Karl („Krümel“) und Jonathan weiterging. Daher wandte Astrid Lindgren sich im Jahr 1974 in einem offenen Brief an die schwedische Boulevardzeitung Expressen. Dort wurde ein weiteres Kapitel zum Buch veröffentlicht. Karl und Jonathan leben zusammen mit Mattias im Mattisgården in Äppeldalen. Dort bauen die beiden Hütten, reiten durch die Wälder und schlafen am Lagerfeuer. … “ | https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Br%C3%BCder_L%C3%B6wenherz (9. November 2020)

lemon / 26 November 2020 / Gedanken.Memo, Kunst.Encoder, Visual.Notes / 0 Comments

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